Von Enttäuschung zu Entzücken

Kapitel 15 aus „Begegnung mit Jesus“

Ich ging den Gartenpfad entlang zur weißen Holztür der verglasten Veranda und fragte mich, wer mir wohl öffnen würde. Ein paar ­Minuten später öffnete ich die Innentür und ein dünner, kleingewachsener, gebräunter Mann in den späten Fünfzigern ­öffnete mir die Tür zur sonnendurchfluteten Terrasse.

„Ron?“, fragte ich.

„Ja, der bin ich. Kann ich Ihnen weiterhelfen?“, wollte er wissen.

„Das kann schon sein“, gab ich zurück. „Ich bin der zuständige ­Heilsarmeeoffizier vor Ort“, erklärte ich und stellte mich mit Namen vor.

„Ich kenne Sie schon. Ich habe Sie schon öfter gesehen und viel von Ihnen gehört“, antwortete er. „Oh!“, dachte ich da. „Was er wohl gehört hat?“ Ich fuhr fort: „Naja, wir haben einen Kleinbus, aber ­unser Fahrer, ein älterer Herr, ist schwerkrank geworden. Es geht ihm zwar schon wieder besser, aber er kann den Bus wohl nicht mehr fahren.“

Da grinste Ron breit, was mir ehrlich gesagt etwas unangenehm war. Er hatte wohl sofort erkannt, warum ich gekommen war.

„Und weiter?“, grinste er und ich stockte kurz.

„Man hat mir gesagt“, sprach ich weiter, „dass Sie als Busfahrer für Age Concern arbeiten und vielleicht auch für uns den Kleinbus fahren würden.“

„Kommen Sie rein“, sagte er, ließ mich auf die Veranda und schloss die Tür hinter mir. In einer Ecke stand ein kleiner Tisch mit einer Blumenvase und einer Ausgabe des Wachtturms. Er bemerkte auf dem Weg ins Wohnzimmer, dass mir das Heft aufgefallen war und fügte schnell hinzu: „Zu denen gehöre ich nicht. Ich bin kein Zeuge Jehovas.“ Ich sagte nichts, als er mich nach drinnen führte und mir einen Sessel anbot.

„Setzen Sie sich doch. Möchten Sie vielleicht einen Tee?“, bot er mir an. „Ja, gerne“ antwortete ich.

Er ging in die Küche und rief von dort aus: „Ich bin eigentlich schon halb im Ruhestand. Ich muss erst darüber nachdenken. An welchen Tagen sollte ich denn fahren?“

Ich ging zu ihm in die Küche und erklärte ihm alles.

„Kann ich mich deswegen später nochmal bei Ihnen melden?“, wollte er wissen.

„Sicher. Wenn Sie nicht alle Fahrten schaffen, dann machen Sie einfach so viel, wie Sie können.“

Wir nahmen die Teetassen mit ins Wohnzimmer, setzten uns und kamen ins Gespräch.

„Dann waren also die Zeugen Jehovas heute schon bei Ihnen, was?“, hakte ich nach.

„Nein, nein. Aber ein guter Freund von mir ist Zeuge und wenn er zum Quatschen vorbeikommt, lässt er mir immer das Heft da. Er hat schon ganz verzweifelt versucht, mich mal zu einem von den ­Treffen mitzunehmen. Ich glaube, er möchte mich bekehren“, kicherte er. „Ich lese mir das alles durch. Einiges davon ist gar nicht schlecht und auch interessant, aber irgendwas stimmt damit nicht, irgendwas finde ich daran verstörend.“

„Inwiefern?“, fragte ich ihn.

„Ich weiß auch nicht“, war seine Antwort.

„Und woran glauben Sie?“, fragte ich.

Da lachte er. „Das weiß ich auch nicht so genau. Ich glaube schon, dass es einen Gott gibt. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass das alles hier einfach so entstanden ist. Das Leben besteht aus mehr als der Geburt, dem Leben und dem Tod.“

Wir unterhielten uns ungefähr eine Stunde lang, und bevor ich ging, schlug ich vor: „Ron, wenn ich mal wieder zum Plaudern vorbeikommen soll, mache ich das gerne. Ich haue Ihnen schon nicht die Bibel um die Ohren. Ich versuche auch nicht, Sie in meine Kirche zu ­kriegen. Wenn es Ihnen aber hilft, einige Sachen durchzu­sprechen, dann komme ich gerne wieder.“ „Sie sind doch so beschäftigt“, antwortete er. „Sie haben sicher Wichtigeres zu tun, als mir zuzuhören. Sie müssen sich um Menschen mit viel dringenderen Problemen kümmern.“

Ich versicherte ihm, dass das nicht der Fall sei, und er ver­sprach mir, sich wegen des Kleinbusses wieder bei mir zu melden. Tatsächlich klingelte fünf Tage später das Telefon und Ron teilte mir mit, dass er zumindest vorläufig alle Fahrten übernehmen könne, bis wir einen dauerhaften Ersatz gefunden hätten. Er sagte auch, dass ihm unser Gespräch gefallen hätte und dass ich jederzeit vorbeikommen könne. Er würde dann Tee für uns aufsetzen.

So wurde er also unser Busfahrer, und ich besuchte ihn alle paar Wochen. Er stellte mir auch seine wesentlich jüngere Frau und ihre zweijährige Tochter vor. Wir lernten uns besser kennen, und er erzählte mir von seinem Leben und auch von einem dunklen Schatten, der über ihm hing. So etwas hätte ich von ihm nie erwartet, denn er war immer so fröhlich und lustig. Mir wurde auch klar, dass er sich auf einer ehrlichen Sinnsuche befand.

Wir brauchten noch immer einen langfristigen Fahrer, und ich hängte eine Anzeige in unserem Schaufenster aus. Wir hatten gerade ein neues Korps in einer kleinen Ortschaft eröffnet und trafen uns dort an verschiedenen Orten. Ein eigenes Gebäude hatten wir nicht und die Heilsarmee war dementsprechend wenig im Dorf präsent. Schließlich, nach vielen Gebeten, hatte der Wunsch überwogen, auch vor Ort sichtbar und erreichbar zu sein, und wir hatten ein Ladengeschäft gekauft.

Die kleine Gemeinde war sich einig, dass der Laden lediglich ein Treffpunkt für die Menschen sein sollte und kein Geschäft, um Geld zu verdienen. Ausgaben hatten wir natürlich trotzdem.

Im Laden und im angrenzenden Café war immer viel los und wir versammelten uns dort jeden Morgen zum Gebet. Die Leute suchten hier Rat oder Gesellschaft und wir waren gewissermaßen das „Schaufenster“ zu Gottes Königreich. Tatsächlich hatte Gott noch weitere Pläne, und der Laden warf gutes Geld ab. Binnen zwei Jahren hatten wir genug eingenommen, um ein Stück Land zu kaufen, auf dem einmal ein eigenes Zentrum entstehen sollte!

Eines Tages kam ein 34-jähriger Mann in den Laden, der unsere Anzeige wegen des Kleinbusses gesehen hatte. Er erzählte, dass er nun schon einige Zeit in der Stadt wohnte und sich immer schon irgendwie zu uns hingezogen gefühlt hatte. Schließlich hatte er dann die Anzeige gesehen und sei hereingekommen. Ich sah ihn mir ­genauer an und bat ihn, sich mit Ron in Verbindung zu setzen, der ihm alles zeigen würde.

Als wir am folgenden Sonntag gerade den Gottesdienst in der Aula der Schule beginnen wollten, kam Andy herein! Er schien ganz überwältigt von dem herzlichen Empfang. In der Woche darauf stellte ich ihn Ron vor, der ihn mit auf seine Fahrten in die umliegenden Dörfer nahm, wo er Gemeindemitglieder, die auf den Bus angewiesen waren, zum Gottesdienst oder zu anderen Aktivitäten abholte.

Am darauffolgenden Sonntag kam Andy wieder zum Gottesdienst und gegen Ende folgte Andy dem Aufruf und nahm Jesus als seinen Herrn und Erlöser an. Wir freuten uns alle sehr für ihn. Ein paar Tage später besuchte ich Ron, der noch zu keinem unserer Gottesdienste gekommen war, und wollte wissen, wie sich die Dinge mit Andy ent­wickelten. Die beiden verstanden sich offensichtlich ganz ausgezeichnet und fuhren gerne zusammen durch das ländliche Lincolnshire. Ich erfuhr auch, dass der erste Gottesdienstbesuch an jenem Sonntag einen bleibenden Eindruck bei Andy hinterlassen hatte und dass sie viel über Spirituelles gesprochen hatten. Außerdem hatte Andy Ron ziemlich in die Mangel genommen, was seine eigene Beziehung zu Gott anging. Wenn man Ron glauben durfte, war er dabei ganz schön forsch gewesen.

Ich lächelte und meinte nur: „Ganz schön erstaunlich. Dieser junge Kerl weiß selber noch nicht einmal so genau, wie er zu Gott steht, und da traut er sich, dich so etwas zu fragen.“ Wir lachten beide.

„Andy ist schon ein Original“, meinte Ron und fügte hinzu: „Ich hab‘ ihn gern. Die Fahrgäste haben ihn auch gern. Er ist sehr fürsorglich. Wusstest du, dass er Probleme mit Alkohol und Drogen hat?“

„Ja, das hat er mir erzählt“, antwortete ich. „Und er hat sein ­Leben übrigens Gott versprochen. Das war letzten Sonntag. Ich denke, als er dich letzte Woche im Bus auf den Prüfstand gestellt hat, hat er sich selbst gleich mit auf den Prüfstand gestellt!“ Wieder lachten wir. Dann betete ich zum ersten Mal mit Ron und er sagte mir noch, dass er am Sonntag zum Gottesdienst kommen würde. Tatsächlich war er am Sonntag da.

Einige Wochen später hatte Andy Grippe. Er hatte keine Familie oder sonst irgendwen, der sich um ihn kümmern konnte. Seine Familie wohnte nicht nur 30 Kilometer entfernt, sie wollte wegen seiner Trinkerei, den Drogen und dem Gefängnis auch nichts mit ihm zu tun haben. Er schämte sich für seine Vergangenheit, aber er versteckte sie nie vor uns. Ich besuchte ihn in seiner feuchten, vollgestopften Dachgeschosswohnung am Marktplatz. Er sah gar nicht gut aus. Er konnte kaum die Augen offenhalten, und ich stellte sicher, dass ihm nichts fehlte, betete und ging wieder. Ich versprach ihm, ihn später die Woche wieder zu besuchen, wenn es ihm besser ginge.

Als ich ein paar Tage später wieder bei ihm war, bekam ich auf mein Klopfen keine Antwort, und die Tür war verschlossen. Ich versuchte es noch ein paar Mal und erfuhr einige Tage später, dass er sich trotz der Liebe und Unterstützung aus der Gemeinde wieder mit alten Freunden eingelassen hatte, als er verletzlich und schwach war und von ihnen Drogen angenommen hatte.

Wochenlang ließ er sich weder beim Gottesdienst, noch im Laden blicken. Wir mussten uns um einen anderen Busfahrer kümmern. ­Gelegentlich liefen ihm Gemeindemitglieder in der Stadt über den Weg und waren sehr liebenswürdig ihm gegenüber, obwohl er sie im Stich gelassen hatte.

Während dieser Zeit traf er auch seinen alten Freund Scott wieder, der auch abhängig war und Drogen von ihm kaufen wollte. Andy hatte aber nichts für ihn und ließ ihn wissen, dass er sein altes Leben hinter sich lassen wollte! Am darauffolgenden Sonntag kam er wieder zum Gottesdienst und brachte seinen alten Kumpel gleich mit. Am Ende des Gottesdiensts kam er nach vorn zum Gnaden­stuhl1 und weinte wegen seiner Taten.

Auch Scott und Ron kamen in den folgenden Wochen nach vorne und widmeten ihr Leben vor aller Augen dem Herrn Jesus Christus. Wir trafen uns von da an regelmäßig zu viert und sprachen darüber, was es hieß, ein echter Anhänger Jesu zu sein. Es zeichnete sich ein deutlicher Wandel in ihrem Leben ab - sie wurden allesamt stabiler und verlässlicher. Sie begleiteten mich sogar zu Predigten außerhalb. Dann übernahmen sie für mich die Bibellesung oder bezeugten ihren Glauben vor der Gemeinde.

Wir freuten uns alle besonders für Ron, denn Gott hatte den überwältigenden Schatten der Schuld, der so lange über ihm ­geschwebt hatte, hinweggehoben. „Ich werde meine Taten immer bereuen, aber ich weiß jetzt, dass mir vergeben wurde, als Jesus für mich am Kreuz starb“, bezeugte er. „Die Schuld wiegt nicht mehr so schwer wie ­früher.“ Die beiden jüngeren Männer machten mir hingegen noch Sorgen. Sie lebten in ziemlichen Bruchbuden, und auch das fand ich besorgniserregend.

Einmal hielt mich ein Unbekannter in der Stadt auf und bot mir ein Haus vor Ort an, das ihm gehörte und das er vermieten wollte. Ich sah es mir an. Es war eine geräumige, helle Doppelhaushälfte im Cottage-Stil. Die Miete war außerdem niedriger als der Betrag, den die beiden jungen Männer für ihre kleinen Wohnungen zahlten. Ich holte sie also ab und nahm sie mit zum Cottage.

„Dann brauchen wir ja nur noch Besteck und ein paar Möbel“, rief Andy aufgeregt. Scott und Andy waren mehr als dankbar für diese unerwartete, großartige Gelegenheit, die sich ihnen bot. Ich ließ sie mit dem Vermieter allein um noch einige Dinge zu besprechen und ging zurück zum Laden, wo mir die Leiterin ein hübsches Be­steckset präsentierte, das gerade jemand gespendet hatte.

„Ach ja, der Vater des Spenders ist vor kurzem verstorben“, sagte sie und gab mir einen Zettel mit einem Namen und einer Telefonnummer, „und er würde gerne das Haus leerräumen. Er würde die Sachen gerne der Heilsarmee spenden und meinte, du sollst ihn ­sobald es geht unter dieser Nummer anrufen, sonst würde er jemand anderen finden.“

Ich rief ihn also sofort an und vereinbarte einen Termin. Dann ­schnappte ich mir das Besteck und ging wieder zu Andy und Scott. Sie konnten die Neuigkeiten kaum glauben und konnten es nicht fassen, wie an diesem Morgen alles so perfekt zusammenkam. Noch dazu lag das Haus, das leergeräumt werden sollte, in derselben Straße!

„Na, wenn das nicht die Stimme Gottes ist, dann weiß ich auch nicht!“, meinte einer von ihnen.

Sie zogen ein und waren guter Dinge. Einige Zeit ging alles gut. Sie kamen hervorragend miteinander aus. Besonders Andy war immer eine große Hilfe - egal, ob es um den Kleinbus, den Laden oder andere Aufgaben ging, die wir für ihn hatten. Er arbeitete immer hart und war mit Herz und Seele voll dabei.

Er bekannte sich auch offen vor jedermann zu Jesus und sprach über den Wandel, den er in seinem Leben erfahren hatte, seit er Christus angenommen hatte.

Leider war er nicht so stark, wie er vorgab, oder wie er gerne gewesen wäre. Sein Geist war willig, doch sein Fleisch war schwach. Einige Monate später bot ihm jemand in einem Moment der Schwäche etwas Speed an und törichterweise nahm er es an. Er zog sich wieder von uns zurück, und weder er noch Scott waren für uns erreichbar.

Erneut vergingen einige Wochen, bevor ich zunächst Andy ­erreichte (es ging ihm gar nicht gut) und dann Scott. Sie hatten sich ge­stritten, und Scott hatte Andy vorgeworfen, die Drogen würden wieder sein Leben übernehmen. Nun stand Scott ohne den Freund da, der ihn zu uns geführt hatte, und er war sehr traurig und hatte selbst zu ­kämpfen. Sein persönliches Problem war der Alkohol.

Ich erinnerte ihn daran, wie sehr ihre neuen Freunde sich um sie sorgten und dass Gott sie niemals fallenlassen würde. Sie bräuchten beide professionelle Hilfe. Ich sah sie nie wieder.

Ihr Vermieter kontaktierte mich ungehalten und wollte wissen, wo sie denn seien. Sie waren einfach abgehauen und hatten noch Mietrückstände. Da erfuhr ich erst, dass sie nicht mehr in der Stadt waren, und es enttäuschte mich sehr, dass sie sich nicht einmal ver­abschiedet hatten. Ich tat mein Bestes, den verärgerten Vermieter zu beruhigen, doch ich konnte ihm weder eine Entschädigung noch eine Entschuldigung für die Beiden geben.

Zwei Wochen später wurde Ron, der in seiner Beziehung zu Gott große Fortschritte gemacht hatte, offiziell als Heilssoldat in die ­Heilsarmee aufgenommen. Die Gemeinde war natürlich hocherfreut über Rons tiefere Beziehung zu Gott, doch das Verschwinden von Andy und Scott machte sie auch traurig.

Völlig aus dem Nichts erhielt ich eine E-Mail aus dem territorialen Hauptquartier. Ein Kaplan aus einem Gefängnis in Derbyshire hatte versucht, mich ausfindig zu machen. Elf Jahre war es ­mittlerweile her, dass meine Frau und ich und unsere jüngeren Kinder aus ­Lincolnshire weggezogen waren. Wir hatten zehn Jahre lang in Kent gelebt, unsere restlichen Kinder waren ausgezogen, und meine Frau und ich wohnten nun im Osten von London.

 

*               *               *

In der E-Mail schrieb der Kaplan von einem Gefangenen namens Andy, der mich wohl von früher kannte und der gerne wieder Kontakt aufnehmen würde. Ich zerbrach mir den Kopf, welchen Andy ich wohl aus einem der vielen Gefängnisse kannte, in denen ich gepredigt hatte. Mir viel aber keiner ein, und das antwortete ich dem Kaplan auch in einer E-Mail. Prompt kam die Rückantwort, dieser Andy wür­de mich nicht aus dem Gefängnis kennen, sondern von meiner Zeit aus Lincolnshire viele Jahre zuvor.

Da klingelte es bei mir im Kopf und alle Erinnerungen an Andy kamen zurück. Ich sagte dem Kaplan sofort Bescheid. Er erzählte mir dann, dass Andy im Gefängnis zu Christus gefunden hatte und sich besonders durch seine spirituelle Arbeit unter den anderen ­Insassen hervortat. Er bat mich außerdem um meine Adresse, damit Andy mir schreiben könnte. Damals war Andy oft bei mir und meiner Familie zu Gast gewesen, und obwohl er wegen eines schweren Verbrechens einsaß, zögerte ich keinen Moment, ihm meine Adresse zu geben.

In der Woche darauf bekam ich den ersten Brief von Andy. Er schrieb darin von unserer gemeinsamen Zeit, davon, dass er sein Leben dem Herrn gewidmet habe und wie er vor den anderen ­Insassen Zeugnis gegeben hatte. „Einigen waren das aber wohl zu viele blutige Details!„, schrieb er.

Ein Auszug aus seinem Brief: „Ich kam vom rechten Weg ab und wurde wieder zum Sünder - Satan hatte mich in seiner Hand. Ich habe dich damals im Stich gelassen, ich habe viele Leute im Stich gelassen, die mich besser kennengelernt hatten. Schließlich bin ich nach Lincoln abgehauen, wo ich eine winzige Unterkunft hatte. Ich hatte noch Mietschulden. Verzweifelt wie ich war tappte ich in die Fallen, die das Böse mir stellte. Nach kurzer Zeit in Lincoln zog ich zurück nach Grimsby. Obwohl ich seit Jahren nicht mehr getrunken hatte, [damals waren Drogen sein größtes Problem] war ich doch nicht nüchtern im Kopf. Ich fing wieder mit dem Trinken an. Ganz schnell wurde ich wieder zum Alkoholiker, und obwohl ich alles versuchte, um wieder trocken zu werden, hatte mich das Böse fest im Griff.

Um es kurz zu machen: Während eines Streits im Suff habe ich die Liebe meines Lebens, meine geliebte Freundin, angegriffen. Mir war nicht klar, dass ich sie schwer verletzt hatte. Als ich sie drinnen zurückließ, dachte ich noch, es wäre alles in Ordnung. Nichts war in Ordnung. Einige Zeit später ist sie an einer Blutung im Bauch­raum gestorben. Sie war auch Alkoholikerin und zu dem Zeitpunkt ziemlich betrunken. Vielleicht hat sie selber auch gar nicht gemerkt, wie schwer sie eigentlich verletzt war. Am nächsten Tag wurde ich wegen Mordes festgenommen und vor Gericht zu lebenslanger Haft verurteilt. Laut dem Richter sollte ich mindestens neun Jahre und 100 Tage in den Knast. Er sah ein, dass ich sie nicht vorsätzlich getötet hatte. Er sah auch, wie sehr ich es bereute, dass ich zu dem Zeitpunkt ziemlich betrunken gewesen war und dass ich den Angriff nicht geplant hatte.

Wenn ich jetzt darauf zurückschaue, war es, als hätte mich eine dunkle Macht besessen und mich dazu getrieben. Ich weiß noch, wie ich (nachdem ich wieder nüchtern war) dachte, dass Gott mich bestimmt vergessen hätte und dass ich auf ewig verdammt wäre. Damals dachte ich wieder an unsere gemeinsame Zeit mit dem Herrn, und ich war ganz verzweifelt, denn damals hatte ich meine einzige Chance vertan ... Ich hatte überhaupt keine Hoffnung mehr und dachte, die Verzweiflung könnte nicht mehr schlimmer werden. Doch es kam noch schlimmer!

Ich kam in den Knast, und die ersten zwei Jahre war ich ein­fach nur hoffnungslos und verzweifelt. Mein Herz schrie nach dem ­Herrn, ich war von Schuld zerfressen und konnte kaum glauben, dass ich lebenslang für Mord einsaß. Ich hätte nie gedacht, dass ich zu so etwas fähig gewesen war. Für mich war das immer noch ein bloßer Unfall gewesen, ganz ehrlich. Schließlich landete ich im „Bunker“, in der Strafzelle, weil ich versucht hatte, mich umzubringen und außerdem, weil ich in meinem Block Schulden hatte und es dort nicht mehr sicher für mich war. Da unten wollte ich nur noch sterben. Ich hatte keinen Funken Hoffnung mehr und überlegte, wie ich mich am besten erhängen könnte.

Da sprach auf einmal mein reuiges Herz zu mir - es war natür­lich Jesus. Er sagte: „Klingel‘ nach dem Wärter und frag‘ nach ­einer Bibel.“

Ich antwortete in Gedanken: „Warum? Was soll das bringen?“

Da antwortete mein Herz: „Mach‘s einfach!“ Das tat ich dann auch. Der Wärter brachte mir ein Neues Testament mit Psalmen und als ich bei den Seligpreisungen ankam, musste ich weinen. Pures Selbstmitleid, aber ich machte weiter. Ich las und las. Erst Matthäus, dann Markus und dann Lukas, wo ich das Gleichnis vom verlorenen Sohn fand [Lukas 15:11-31]. Da geschah etwas mit mir. Der Herr zeigte mir, dass er mich nicht aufgegeben hatte. Ich hatte wieder Hoffnung im Herzen, ich hatte keine Angst mehr, etwas war völlig anders. Ich konnte nicht schlafen. Ich las Gottes Wort, betete, las und betete.„

Er schrieb dann weiter, dass er in die Kapelle gegangen war und dort am Altar sein Leben Jesus gewidmet hatte. Das war zwölf ­Monate zuvor gewesen. Er spielte außerdem in der Kirchenband, besuchte einen christlichen Kurs und war generell stark ins christliche Leben im Gefängnis eingebunden.

Ich schrieb zurück, wie sehr ich mich über seinen Wandel freute. Zusätzlich zu den Briefen telefonierten wir auch. Niemand besuchte ihn und zu seiner Familie hatte er auch keinen Kontakt. Ich ver­sprach, ihn zu besuchen, wenn ich mal in der Gegend war und blieb mit dem Kaplan in Kontakt.

Einige Monate später führte mich ein Osterausflug des Korps ganz in die Nähe des Gefängnisses, nur etwas mehr als 15 Kilometer entfernt. Ich kontaktierte also den Kaplan wegen eines Besuchstermins und er bot mir an, nachmittags am Karfreitag vorbeizukommen und vorher noch in der Kapelle zu predigen.

Ein echtes Privileg! Es war viel los im Gefängnis. Ich war überglücklich meinen Freund von damals wiederzusehen, der ­mittlerweile ein völlig neuer Mensch geworden war und sich aus ganzem Herzen Gott widmete. Nach dem Gottesdienst durfte ich noch vier weitere Gefangene kennenlernen, die Andy zum Herrn geführt hatte. Sie erzählten mir, was Gott für sie getan hatte und immer noch tat.

Andy muss zwar noch einige Jahre absitzen, doch er sieht es jetzt als Privileg an, dort im Gefängnis zu sein. Er streckt den anderen, ­verlorenen Insassen seine Hand hin und bringt ihnen als Mitgefangener seine Botschaft der Hoffnung.

Als Andy damals einfach aus unserem Leben verschwand, konnten wir das Ganze nur mit unserem beschränkten menschlichen Blick ­sehen. Wir wussten nicht, dass damals die Saat in Andys Herz gepflanzt worden war, wo sie die nächsten zehn Jahre ruhte, bis sie schließlich aufging und Gottes Geist üppige Früchte trug.

1 Vorne in unseren Gemeindesälen steht eine lange Bank, die es so nur bei der Heilsarmee gibt. Diese wird Bussbank oder Gnadenthron oder auch Gebetsbank genannt. Die Bezeichnung „Gnadenthron“ bezieht sich hierbei auf den goldenen „Gnadensitz“, den Deckel der Bundeslade, wie er in 2. Mose 25,22 (Lutherbibel) beschrieben wird, als Gott spricht: Dort will ich dir begegnen und mit dir reden von dem Gnadenstuhl aus [...].“ Wenn ein Heilsarmee-Offizier die Gottesdienstbesucher aufruft, vor der Gemeinde Gott zu suchen oder Gott zu antworten, dann sind diese eingeladen, nach vorne zu kommen und vor Gott niederzuknien. In dieser demütigen Haltung stellt sich auch oft die richtige Geisteshaltung ein, und das Herz wird vor Gott reuig und bescheiden. Dabei handelt es sich nur um ein einfaches Möbelstück. Wir von der Heilsarmee glauben nicht, dass diese Bank irgendwelche besonderen Kräfte hat. Tatsächlich könnte man auch jeden beliebigen Stuhl nehmen

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