„Kunst ist unsere Sprache"
Seit zehn Jahren verbindet das Berliner „Limelight Collective“ Kunst, christliche Spiritualität und Gemeinschaft. Im Gespräch erzählt der Gründer Shaw Coleman, wie aus einer persönlichen Berufung ein Ort für Kunstschaffende und Suchende wurde.
Tanz und Heilsarmee – das klingt ungewöhnlich. Wie begann das Projekt?
Angefangen hat alles am 1. Oktober 2016 als zunächst auf drei Jahre angelegtes Projekt. Nach mehreren Verlängerungen wurde uns klar, dass wir etwas Dauerhaftes geworden waren. Heute nennen wir uns „Standort“ – eine interne Bezeichnung der Heilsarmee.
Gerade in einer Stadt wie Berlin, in der vieles vorübergehend ist, war das wichtig. Wir wollten einen Ort schaffen, der Bestand hat – besonders für Menschen aus der Kunst, deren Leben oft von Veränderung geprägt ist.
Wen wollt ihr erreichen?
Künstler sind für uns nur ein kleiner Teil der Zielgruppe. Kunst ist für uns vor allem Sprache und Werkzeug. Wir wollen Menschen erreichen, die vielleicht nie in eine Kirche gehen würden, sich aber von Theater, Tanz oder Musik angesprochen fühlen.
Basieren Eure Stücke auf biblischen Geschichten?
Die christliche Spiritualität ist der Kern unserer Arbeit, aber wir arbeiten nicht immer mit einer direkten biblischen Handlung. Manchmal greifen wir Themen auf, etwa die Verbindung von physischer und spiritueller Wirklichkeit.
In unserem Stück „Ritual“ haben wir beispielsweise eine katholische Messe in Tanz übersetzt. Bei „Hiob“ dient eine biblische Erzählung als Ausgangspunkt für Fragen nach Gut und Böse und nach den großen Herausforderungen des Lebens.
Wie entstehen eure Choreografien?
Oft in Zusammenarbeit: Bei „Hiob“ haben wir uns gemeinsam mit dem Buch beschäftigt. Die Tänzer haben sich einzelne Aussagen herausgesucht und versucht, sie in Bewegung umzusetzen. Später werden diese Elemente zu einer gemeinsamen Choreografie verbunden.
Tanz ist dabei etwas ganz Besonderes: Ein Stück existiert eigentlich nur in dem Moment, in dem es getanzt wird. Danach bleibt es in den Erinnerungen der Menschen, die es erlebt oder aufgeführt haben.
Kann bei euch auch jemand mitmachen, der keine Tanzerfahrung hat?
Ja. Wir bieten unter anderem den „Gebetstanz“ an. Das ist im Grunde eine Gebetsversammlung – nur mit der Sprache des Tanzes. Es werden wenige Bewegungen vorgegeben. Die Teilnehmenden überlegen: Was möchte ich beten, und wie kann sich mein Körper dazu bewegen?
Außerdem gibt es Tanzkurse für Menschen, die ihre Spiritualität stärker mit Bewegung verbinden möchten. Man muss dafür weder professionell tanzen noch besonders begabt sein.
Ihr habt inzwischen auch eine feste Tanzkompanie. Wie kam es dazu?
Früher haben wir für jede Produktion die Tänzerinnen und Tänzer neu zusammengestellt, wer gerade verfügbar war. Vor ungefähr einem Jahr entstand dann eine Gruppe, mit der wir längerfristig arbeiten wollten. Heute treffen sich die Tänzer das ganze Jahr über jeden Mittwoch.
Wir haben unsere Arbeit in drei Bereiche gegliedert: Create, Form und Host. Bei „Create“ geht es darum, als Künstler etwas zu erschaffen und in die Welt zu bringen. „Form“ bedeutet, Menschen durch künstlerische Praxis zu begleiten und in ihrer Spiritualität zu stärken. Und „Host“ bedeutet, Räume für Künstler und Anderen anzubieten. Dabei möchten wir ihnen echte Gastfreundschaft entgegenbringen.
Du bist selbst Tänzer. Wie hat deine eigene Geschichte begonnen?
Ich bin in Australien aufgewachsen. Meine Eltern waren Offiziere der Heilsarmee, und für mich war es ganz normal, auf einer Bühne zu stehen. Als Kind habe ich in Musicals und im Chor mitgemacht. Mit etwa siebeneinhalb Jahren begann ich, Tanzunterricht zu nehmen – zunächst Jazz und Stepptanz, später Ballett und Akrobatik. Relativ früh wurde aus dem Hobby eine professionelle Ausbildung. Ich besuchte eine Schule mit einem speziellen Tanzprogramm und wechselte schließlich an eine Ballettschule.
Was bedeutet Tanz für dich persönlich?
Tanz war für mich nie nur körperliche Fitness. Die Technik ist ein Mittel zum Zweck. Ich möchte durch Bewegung etwas Künstlerisches erzählen und auf der Bühne ausdrücken. Das ist für mich der eigentliche Kern. Deutschland hat eine ausgeprägte Theater- und Tanzkultur und fördert Kunst gesellschaftlich stärker, als ich es aus Australien kannte. Schon mit etwa 16 Jahren wusste ich, dass ich irgendwann nach Europa gehen wollte.
Ich arbeitete zunächst am Landestheater Detmold und anschließend am Stadttheater Hagen. Danach lebte ich mit meiner Frau anderthalb Jahre in Singapur und tanzte bei der nationalen Tanzkompanie. Später kehrten wir nach Deutschland zurück.
Wie entstand schließlich die Idee für das Collective?
Ende 2014 verletzte ich mich während einer Tournee am Knie und konnte etwa ein halbes Jahr nicht tanzen. Diese Zeit war eine große Zäsur. Ich begann, über meine Zukunft nachzudenken und mich zu fragen, wofür ich meine Erfahrungen einsetzen wollte.
Beim 150. Jubiläumskongress der Heilsarmee in London hatte ich schließlich sehr deutlich den Eindruck, dass Gott zu mir spricht: Jetzt ist es so weit. Ich sollte das, was ich aus der Theater- und Tanzwelt gelernt hatte, in den Dienst Gottes stellen.
Kurz darauf nahm ein Missionsoffizier Kontakt zu mir auf. Er hatte von meiner Berufung gehört, und wollte mich nach Berlin in die Kastanienallee holen. Wir waren damals gerade Eltern geworden und beschlossen, im Oktober 2016 zu beginnen.
Wie groß ist die Gemeinschaft heute?
Das lässt sich schwer sagen. Ich benutze gern das Bild einer Umlaufbahn. Es gibt Menschen, die sehr eng dazugehören, und andere, die weiter außen stehen. Ungefähr 30 Menschen sind eng mit uns verbunden. Dazu kommen viele weitere, mit denen wir zusammengearbeitet haben oder die Veranstaltungen besucht haben. Es sind nicht nur Tänzer dabei, sondern auch Maler, Opernsänger, Musiker und Menschen aus ganz anderen Berufen. Uns verbindet die künstlerische Art, die Welt zu betrachten.