Zwischen Kölsch und Klingelbeutel
Major Gero Roehlen zieht am Wochenende mit dem Klingelbeutel durch die Kölner Brauhäuser. Bei der „Wirtschaftsmission“ spricht er mit den Gästen über Gott und die Welt - und sammelt Spenden für ein Obdachlosenfrühstück.
Die Runde beginnt am Freitagabend am Bahnhofsvorplatz, im Schatten des Kölner Doms. Major Gero Roehlen hat sich eine unscheinbare blaue Regenjacke übergezogen. Es ist kühl geworden. Trotzdem fällt er mit seiner Heilsarmee-Mütze sofort auf. Roehlen steuert auf den Außenbereich eines Brauhauses zu. In der Hand hält er eine blau-gelbe Sammeldose. „Guten Abend. Ich sammele für die Heilsarmee.“ Das junge Pärchen schüttelt nach kurzem Zögern den Kopf. Roehlen geht weiter. Der ältere Mann schräg gegenüber ist in sein Handy vertieft und wirft Roehlen einen ärgerlichen Blick zu. Auch bei den nächsten Tischen bleibt der Erfolg aus.
Roehlen kann damit umgehen. Seit zwölf Jahren ist er am Wochenende in den Kölner Gaststätten unterwegs. Roehlen öffnet jetzt die große Glastür zum Brauhaus. Der Kellner, der vor dem Eingang raucht, grüßt ihn freundlich. Man kennt sich. „Drinnen läuft es oft besser“, sagt Roehlen und stürzt sich ins Getümmel. Ein braungebrannter Mann im beigen Freizeithemd kramt eine Zwei-Euro-Münze aus dem Portemonnaie. „Die tun was für die Obdachlosen“, sagt er wohlwollend. Ob er noch Infomaterial möchte, fragt Roehlen. Der Mann winkt ab. Ein gut gekleideter Herr an einem Einzeltisch reicht einen 5-Euro-Schein herüber. Er kommt aus Großbritannien und ist hier wegen der Gamescom-Messe. Die Heilsarmee kenne er gut. Er freut sich über die Begegnung. Dann kramt er sein Smartphone hervor: Bitte noch ein Selfie mit dem Offizier!
Ich weiß nie, wen ich treffe
Roehlens Uniform fällt überall auf. Viele Gäste kennen die Organisation, vor allem die Älteren. Andere sind überrascht, dass es die Heilsarmee überhaupt noch gibt. Als Roehlen vor Jahren in Herne gesammelt hat, hielt ihn ein Mann am Ärmel fest und rief die Polizei. Er wollte überprüfen lassen, ob Roehlen tatsächlich für die Heilsarmee unterwegs war. Die Situation ließ sich schnell klären. „Es ist eigentlich jeden Abend eine Herausforderung, die Gaststätten zu besuchen“, sagt Roehlen. „Ich weiß nie, wen ich treffe.“
An einem Wochenende besucht Roehlen meist acht bis zehn Gaststätten in der Altstadt und ungefähr ebenso viele auf den Ringen. Es sind über die Jahre weniger geworden. „Auf den Ringen habe ich auch über 30 Gaststätten verloren“, erzählt er. Betreiber wechselten, Lokale schließen. Doch es gibt immer noch einen festen Stamm. Bevor die Heilsarmee in einer Gaststätte sammeln darf, braucht sie das grüne Licht des Besitzers. Viele Kölner Wirte kennen die Tradition bereits. Roehlens Vorgänger war in zahlreichen Lokalen unterwegs.
„200 bis 300 Euro kommen an einem Freitagabend durchschnittlich zusammen“, berichtet Roehlen. Die Summe hängt von der Jahreszeit und vom Publikumsverkehr ab. Ferien, Messen und große Veranstaltungen machen einen deutlichen Unterschied. Von den Spenden kann die Kölner Gemeinde zum Beispiel ihr Frühstück für Obdachlose finanzieren oder am Sonntag ein Mittagessen ausgeben.
Kontakte zu den Menschen
Die Heilsarmee versteht die sogenannte „Wirtschaftsmission“ jedoch nicht als bloßes Spendensammeln. Die kleine Büchse schafft Begegnungen mit Menschen, die sonst vielleicht nie mit der Heilsarmee in Kontakt kämen. Auch ganz praktische Fragen können dabei zur Sprache kommen: Was tun, wenn Wohnungslosigkeit droht? Wo gibt es Hilfe? An wen kann man sich wenden?
Einige Menschen erzählen, dass sie selbst Christen sind. Andere wünschen Roehlen Gottes Segen. Wieder andere fragen nach einer Adresse oder wollen mehr über die Heilsarmee wissen. Manchmal ergibt sich später ein Kontakt zum Kölner Korps. Für Spender, die mehr über die Heilsarmee wissen wollen, hat Roehlen Material in seiner kleinen Tasche - sogar auf englisch.
Roehlens Weg zur Heilsarmee begann lange vor seinen Kölner Freitagabenden. 19 Jahre war er alt, als er während seines Zivildienstes in Düsseldorf mit der Heilsarmee in Kontakt kam. Er suchte eine Gemeinde, in der er seinen Glauben leben konnte. 1980 wurde Roehlen Heilsoldat. Zwei Jahre später begann er die Ausbildung zum Heilsarmeeoffizier in Bochum. Seitdem hat er in zahlreichen Städten gearbeitet, unter anderem in Herne, Wuppertal, Solingen, Hamburg, Stuttgart, Naumburg an der Saale und Kassel.
Jetzt ist Roehlen wieder im Rheinland unterwegs und leitet das Korps in Köln. Warum geht er nach Jahrzehnten noch immer von Tisch zu Tisch? Die Antwort fällt Roehlen leicht: „Es sind die Kontakte zu den Menschen, denen wir Zeugnis ablegen können von Jesus Christus.“