von Kommunikation & Fundraising THQ

„Ich will niemanden bekehren"

Mareike Walz, Foto: Lass

Zwang, Gewalt und Ausbeutung: Am 30. Juli ist der internationale Tag gegen Menschenhandel. In Deutschland sind vor allem Frauen betroffen. Viele kommen aus dem Ausland und werden zur Prostitution genötigt. Die Pastorin Mareike Walz leitet den Heimathafen Heilsarmee auf St. Pauli. Im Gespräch berichtet sie, wie sie als Christin mit dem Schicksal der Frauen auf der Reeperbahn umgeht.

Wie kommt eine Frau eigentlich dazu, ihren Körper zu verkaufen?

Mareike Walz: Da gibt es nicht nur die eine Geschichte. Unsere Erfahrungen sind sehr vielfältig. Es gibt Frauen, die aus wirtschaftlicher Not nach Deutschland gekommen sind, weil sie ihre Familien unterstützen möchten. Viele haben ihre Kinder oder Angehörigen im Herkunftsland und verdienen hier Geld, um sie zu versorgen.

Andere Frauen stammen wiederum aus Familien, in denen bereits die Mutter oder Großmutter in der Prostitution gearbeitet hat. Für sie gehört dieser Beruf zur familiären Lebensgeschichte. Und es gibt auch auf der Reeperbahn Frauen, die Sexarbeit für sich als Beruf gewählt haben.

Wie gehen die Frauen mit dem harten Alltag um?

Das kann ich nicht pauschal beantworten. Auch dort gibt es gute und schlechte Tage – wie in jedem anderen Beruf. Ich möchte damit die Prostitution überhaupt nicht verharmlosen. Aber ich muss zwischen meinen eigenen Vorstellungen und der Lebensrealität der Frauen unterscheiden, denen ich begegne. Deshalb versuche ich, nicht sofort über ihre Arbeit zu sprechen. Bei uns steht die Frau im Mittelpunkt – nicht die Prostitution. Ich glaube, genau das schafft Vertrauen.

Das unterscheidet Euch von Gruppen, die einen stärkeren politischen oder aktivistischen Ansatz verfolgen?

Ja, die Frauen haben eine sehr gute Menschenkenntnis. Sie merken sofort, wenn jemand mit einer festen Agenda kommt oder sie für ein bestimmtes Ziel gewinnen möchte. Viele unterschätzen das. Wir wollen keine Agenda durchsetzen. Unser Ziel ist es, Beziehungen aufzubauen. Wir sprechen lieber davon, Brücken zu bauen. Wir möchten Frauen einladen, andere Möglichkeiten kennenzulernen. Aber die Entscheidung liegt immer bei ihnen. Es kann deshalb auch vorkommen, dass eine Frau nach einer Ausstiegsphase wieder in die Prostitution zurückkehrt. Das ist manchmal schwer auszuhalten, besonders wenn die Frau sich einen anderen Weg so sehr gewünscht hat. Gerade dann ist es uns wichtig, dass wir weiter da sind, weiter zuhören und begleiten.

Wie sehen Ihre Einsätze auf St. Pauli konkret aus?

Einmal in der Woche besuchen wir Bordelle und den Straßenstrich. Manchmal gehen wir auch in eine Striptease-Bar, in der wir willkommen sind. Dabei geht es oft gar nicht um große Themen. Wir sprechen über den Alltag, über Kosmetik oder darüber, wie die Woche gelaufen ist. Für mich ist das wichtig. Ich kaufe inzwischen sogar bewusst hier auf St. Pauli ein und nicht mehr bei mir zu Hause. So treffe ich viele Frauen auch außerhalb unserer offiziellen Besuche. Das ist keine Strategie, sondern gelebter Alltag. Es zeigt den Frauen, dass sie für uns nicht nur Teil unserer Arbeit sind, sondern Menschen, mit denen wir ein Stück Leben teilen.

Welche Rolle spielt Ihr christlicher Glaube dabei?

Mein Glaube ist der Grund, warum ich diese Arbeit machen kann. Er ist mein Motor. Nach sieben Jahren kenne ich viele bewegende Geschichten, aber auch viele Enttäuschungen und Rückschläge. Ohne meinen Glauben hätte ich dafür wahrscheinlich nicht die Kraft.

Was bedeutet für Dich Mission?

Mission bedeutet für mich nicht, Menschen zu bekehren. Das kann kein Mensch. Mission bedeutet für mich, meinen Glauben offen und authentisch zu leben. Ich erzähle von meinem Glauben, wenn ich danach gefragt werde oder wenn Menschen wissen möchten, warum ich diese Arbeit mache. Aber ich will niemandem meinen Glauben aufdrängen.

Ich höre jeden Tag Geschichten, bei denen ich mich selbst manchmal frage: „Wo ist Gott?“ Gerade deshalb möchte ich keine vorschnellen oder flachen Antworten anbieten. Mein Glaube hilft mir, zuzuhören, Menschen auch in schwierigen Situationen langfristig zu begleiten und dabei zu bleiben.

Es geht nicht darum, Menschen zu bewerten oder ihnen vorzuschreiben, wie sie leben sollen. Es geht darum, ihnen mit Respekt zu begegnen und eine vertrauenswürdige und verlässliche Ansprechpartnerin zu sein.

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