Glaube, Musik und Nachbarschaftshilfe
„Die Heilsarmee gehört bei uns einfach zur Familie“, sagt Ruben Schmidt. Sein Vater, sein Großvater und sein Urgroßvater – alle waren als Brassmusiker dabei. Jetzt feiert die Heilsarmee Solingen ihren 125-jährigen Geburtstag.
Ruben Schmidt ist Gymnasiallehrer für Geschichte und Musik, Hornist und seit 2024 Leiter der Brassband der Gemeinde. „Unsere Musik ist ein Teil unserer Botschaft“, sagt der 41-jährige Familienvater. Die Brassband tritt überall in Solingen auf, zum Beispiel bei Stadtfesten, Gottesdiensten oder in Altenheimen. „Wir wollen Menschen erreichen – egal, wo sie sind.“
Die Geschichte der Solinger Heilsarmee begann 1901 mit einer einfachen Holzbaracke an der Florastraße 86, nur wenige Meter vom heutigen Standort entfernt. Zwei Jahre später gründeten die Salutisten die Brassband und den Chor. Als 1905 das Gemeindehaus in der Florastraße 62 eröffnet wurde, reiste sogar Heilsarmeegründer William Booth aus England an und hielt den Gottesdienst.
Zwischen Seniorenarbeit und Suppenküche
1944 wurde das Gebäude im Zweiten Weltkrieg zerstört. Der Neuanfang kam aus dem Norden. 1949 wurde eine neue Holzbaracke aus Schweden geliefert, in der die Gemeinde ihre Arbeit wieder aufnehmen konnte. 1958 zog die Heilsarmee schließlich in die Florastraße 9 bis 11 um. Bis heute prägen Glauben und praktische Hilfe die Arbeit der Gemeinde. Die Zielgruppen sind ganz unterschiedlich: Rund 30 Menschen kommen jede Woche zum Seniorencafé. Mit Babysong und MuKi, Formen der musikalischen Früherziehung, richtet sich die Heilsarmee an Familien mit kleinen Kindern. Jeden Samstag um 12 Uhr gibt es eine kostenlose Suppenküche – ein Angebot, das viele Bedürftige in Anspruch nehmen.
Auch der Second-Hand-Laden „Zweite Chance“, der 2023 in ein leerstehendes Ladenlokal direkt gegenüber der Gemeinde zog, ist zu einem wichtigen Ort der Begegnung geworden. Schon das Schaufenster wirkt einladend: Laternen, Kerzen und Blumentöpfe stehen auf der Fensterbank. Drinnen gruppieren sich rote Sofas und Korbstühle um einen Holztisch. „Diese Möbel sind für unsere Besucher“, sagt Heike Oesterlen, Leiterin des Ladens. „Wir sind nicht nur ein Second-Hand-Laden, sondern vor allem ein soziales Angebot“, sagt sie. Die Stadt Solingen unterstützt das Projekt.
Intensive Gespräche im Second-Hand-Laden
Tatsächlich wirkt der Laden oft wie ein kleines Nachbarschaftszentrum. Zwei Großmütter unterhalten sich über ihre Enkel, eine junge Mutter stöbert mit Kinderwagen in einer Trödelkiste, ein älterer Herr liest bei einer Tasse Kaffee die Tageszeitung. „Gerade für ältere Menschen gibt es immer weniger Orte, an denen man sich begegnet“, erklärt Oesterlen. „Die Schwelle in unserem Laden ist niedrig“, sagt die studierte Sozialpädagogin. „Viele kommen einfach zum Stöbern – und daraus entstehen intensive Gespräche.“ Es gehe oft um Krankheit und Verlust. Heike Oesterlen hört zu und vermittelt auch an die Beratungsstellen in der Stadt. „Wir haben hier eine Lotsenfunktion.“
Ohne die Ehrenamtlichen würde der Laden nicht funktionieren. Sie sortieren Kleidung, stehen an der Kasse und sind oft auch Gesprächspartner für die Kunden. Für Elke Fleischmann ist Second Hand sogar eine Lebensphilosophie. „Ich versuche, möglichst wenig wegzuwerfen“, erzählt sie. Trotz Beruf und familiärer Verpflichtungen übernimmt sie regelmäßig Schichten im Laden. „Wir sind hier ein tolles Team.“ Auch Monika Gruhlke engagiert sich zweimal pro Woche. „Zu Hause sitzen und Rente – das reicht mir nicht“, sagt sie. „Ich freue mich jedes Mal, wenn Kunden etwas Schönes finden.“
Ob Seniorencafé, musikalische Früherziehung, Suppenküche oder Trödelladen: „Das Angebot zeigt, dass eine Gemeinde mehr ist als ein Gottesdienstort: nämlich eine Gemeinschaft, die füreinander da ist“, sagt Ruben Schmidt. Am 3. Mai feiert die Gemeinde ihr 125-jähriges Jubiläum - mit Ehemaligen, Freunden und prominenten Gästen aus der Stadt Solingen.