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Gewalt gehört zum Alltag

Tod in der Großstadt: Kerze und Blumen erinnern an einen verstorbenen Obdachlosen


Hat die Gewalt gegenüber obdachlosen Menschen zugenommen? Paul Neupert blickt fragend ins Publikum. Rund 50 Menschen, die überwiegend beruflich mit der Wohnungslosenhilfe zu tun haben, waren Anfang März in die Melanchthon-Akademie der evangelischen Landeskirche in Köln gekommen. Die Antwort der Zuhörer fiel eindeutig aus: Die große Mehrheit hob zustimmend die Hand.

Doch hat die Gewalt tatsächlich zugenommen? Paul Neupert, Fachreferent der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W), ist sehr zurückhaltend. Eine Zunahme lasse sich nicht dokumentieren. Das liege vor allem daran, dass es keine belastbaren Daten gebe, so Neupert.

Dürftige Datenlage, hohe Dunkelziffer

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) weise methodische Probleme auf, etwa bei der Definition von „obdachlos“. Neupert geht daher von einer erheblichen Dunkelziffer aus. Darüber hinaus ist die Anzeigebereitschaft bei den Opfern gering. Scham, Misstrauen gegenüber Behörden und Angst vor Racheakten führten dazu, dass viele Taten nicht gemeldet werden. „Gewalt wird als Teil des Alltags akzeptiert“, resümiert Neupert. Viele Gewaltdelikte seien Beziehungstaten – also Konflikte zwischen Bekannten, die oft ebenfalls auf der Straße leben. „Es geht da häufig um knappe Ressourcen“, berichtet Neupert, zum Beispiel Schlafsäcke, Schuhe, Lebensmittel oder auch Drogen und Alkohol.

Trotz der dürftigen Datenlage führt die BAG W eine Statistik über Gewalt gegen wohnungslose und obdachlose Menschen. Sie basiert auf einer systematischen Presseauswertung. Demnach gebe es seit 1989, dem Beginn der Erfassung, 686 tödliche und 2685 nicht tödliche Angriffe. Die Zahl der Tötungsdelikte etwa bleibe über die Jahre weitgehend konstant.

Der Anschein trügt jedoch: Eine Untersuchung aus Hamburg kommt zu dem Ergebnis, dass das Risiko, Opfer eines Gewaltverbrechens zu werden, für Wohnungslose um ein Vielfaches höher liegt als in der Durchschnittsbevölkerung. Besonders gefährdet sind Menschen, die sichtbar auf der Straße leben und psychisch oder körperlich erkrankt sind. Frauen sind häufig von sexualisierter Gewalt betroffen; für viele ist dies auch der Grund, die Wohnung zu verlassen.

Platzverweise und Abbau von Sitzbänken

In der Diskussion im Anschluss an das Referat schilderte eine Zuhörerin einen Vorfall, der typisch für das Leben auf der Straße sei: Sie habe gesehen, wie ein Obdachloser von mehreren Jugendlichen an einer Haltestelle getreten wurde. Sie sprach das Opfer an. Auf die Frage, ob er die Tat anzeigen wolle, habe er abgewunken. Die Frau ging daraufhin selbst zur Innenstadtwache, um Anzeige zu erstatten.

Neben dieser direkten Gewalt ging Neupert auch auf „strukturelle Formen der Ausgrenzung“ ein. Sie zeigten den Kampf um den öffentlichen Raum – so zum Beispiel auch in Köln: Die Zahl der Menschen, die auf der Straße leben, steigt in der Stadt kontinuierlich. Bürgerinnen und Bürger fühlen sich von Bettlern und lagernden Gruppen belästigt. Die Stadt reagiert mit Platzverweisen, etwa in U-Bahn-Höfen, Alkoholverboten und dem Abbau von Bänken. Das Problem der Obdachlosigkeit ist damit natürlich nicht gelöst - allenfalls verlagert. Neupert wiederholte am Ende des Vortrags noch einmal die zentralen Forderungen des Verbandes: mehr bezahlbarer Wohnraum und eine menschenwürdige Unterbringung von Menschen, die auf der Straße leben.

Trotzdem ist Köln, so der Tenor vieler Zuhörer bei der Diskussion, eine Stadt, die im Vergleich zu anderen Kommunen viele Anlaufstellen und Hilfen für Wohnungslose anbietet. Unter den Angeboten für obdachlose Menschen sticht das Erik-Wickberg-Haus der Heilsarmee in Köln-Ehrenfeld hervor: Das Wohnheim bietet drogenabhängigen und wohnungslosen Männern die Chance, wieder Tritt im Alltag zu fassen und Selbstvertrauen zu gewinnen.

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