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Howard Webber: Begegnung mit Jesus

Howard Webber ist hauptamtlicher Geistlicher bei der Heilsarmee (Offizier) aus England. Er beschreibt sich als ein schüchterner Mensch, der nicht gerne redet und schon gar nicht gerne von Jesus. Was aber passiert, wenn er es trotzdem tut und wie Gottes Liebe dadurch Menschen verändert, - das beschreibt er in seinem Buch „Begegnung mit Jesus“.

Mich haben seine Erlebnisse und Begegnungen mit Jesus sehr berührt. Und genau das wünsche ich mir für mich und uns als Heilsarmee auch – dass wir mitten in unserem Alltag, in den täglichen herausfordernden Situationen, Jesus begegnen. Und erleben, was er bewirken kann.

Nach und nach stellen wir Ihnen monatlich jeweils eine der 20 Lebensgeschichten aus dem Buch von Howard Webber vor. Übersetzt von der Heilsarmee in der Schweiz danken wir herzlich für diese Bereicherung.

Viel Gewinn beim Lesen wünsche ich uns,

Anette Janowski
Entwicklung geistlichen Lebens

 

PS: Das vollständige Buch kann unter diesem Link bestellt werden.

Fred verließ den Gottesdienst während gerade die allerletzte Strophe des letzten Liedes gesungen wurde. Das erstaunte mich sehr. Der Gottesdienst war doch schon fast vorbei, warum ging er da so plötzlich weg? Ich konnte es kaum abwarten, den Segen zu sprechen und ihm hinaus zu folgen. Kurz nach dem „Amen“, hastete ich vom Podium den Gang entlang zum Ausgang. Ich überließ das Hände­schütteln mit der Gemeinde meiner Frau. Ein Stück die Strasse weiter unten, entdeckte ich Fred. Im Licht einer Laterne zündete er sich eine Zigarette an. Ich eilte zu ihm. Fred war genauso groß und kräftig wie Geoff.

„Alles okay, Fred?“, fragte ich.

„Nein, Kapitän. Sehen Sie mich doch mal an, ich zittere.“ Er zitterte tatsächlich.

„Was ist denn geschehen, Fred?“, wollte ich wissen.

„Da drinnen ist irgendwas seltsames passiert“, war seine Antwort. „Ich war an Ort und Stelle wie eingefroren. Ich wusste, ich muss ent­weder nach vorne gehen, oder abhauen. Da bin ich abgehauen.“

„Schlechte Idee, Fred“, gab ich zurück. Ich wollte nicht, dass er sich jetzt unwohl fühlte. So fragte ich ihn, ob ich am folgenden Tag nach meinem Besuch im Gefängnis bei ihm vorbeischauen solle. Er war einverstanden.

Genau wie Geoff war auch Fred in eine der neuen Wohnungen ­umgezogen. Als er mir am folgenden Nachmittag die Tür öffnete, war er immer noch sichtlich mitgenommen. Kaum war ich drinnen, da sprach er schon vom vergangenen Abend.

„Wow, ich weiß gar nicht, was da gestern passiert ist“, meinte er. „Schauen Sie, ich zittere immer noch! Als ich gestern Abend nach Hause kam, bin ich zusammengebrochen und habe geheult wie ein Baby. Das letzte Mal, als ich so geheult habe, war ich noch ein Junge. Ich konnte gar nicht mehr aufhören. Da haben ein paar ­Kumpels angeklopft. Aber ich konnte immer noch nicht mit dem Heulen ­aufhören. Ich traute mich nicht, die Tür zu öffnen und ­ihnen zu begegnen. Sowas ist mir noch nie passiert. Ich versteh‘ das einfach nicht.“

„Ich schon, mein Freund“, antwortete ich. „Gestern Abend bist du Gott begegnet. Er liebt dich und hat viele Jahre nach dir gesucht.“ Ich erklärte ihm, wie sehr Gott ihn liebte und was er durch Jesus getan hatte. Dass er dasselbe für ihn tun wolle, was er auch für Geoff getan hatte.

„Du hast Gott gehört, Fred. Du hast ihm zwar nicht geantwortet, bist in die entgegengesetzte Richtung gerannt. Doch du hast ihn gehört.“ Schliesslich erlaubte es Fred, dass ich für ihn betete.

Als ich schon im Gehen begriffen war und ihm die Hand schüttelte, fügte ich noch hinzu: „Fred, ich wollte dir noch etwas sagen: Ganz egal, ob wir uns nochmal wiedersehen oder ob du nochmal zu unseren Treffen kommst - wo du auch bist, was du auch immer tust, dieses Erlebnis von gestern wirst du nie mehr vergessen.“

Die nächsten drei Monate kam Fred jeden Sonntagabend vorbei. Er verbrachte sogar den zweiten Weihnachtstag mit meiner Frau und Familie bei uns zuhause, zusammen mit einigen Heimbewohnern. Wir hatten sehr viel Spaß zusammen. Doch er wollte einfach nicht loslassen und sein Leben Jesus geben.

Nach Weihnachten kam er nicht mehr zum Gottesdienst. Und ein paar Monate später zog er aus dem Heim und verliess die Stadt. Manchmal begegneten wir uns noch zufällig. Wenn es die Situation zuliess und er ohne Begleitung war, plauderten wir ein wenig. Wenn er allerdings mit Freunden unterwegs war und ich seinen Namen rief, tat er so, als würde er mich nicht kennen. Das tat weh.

Ich hatte Fred schon ein Jahr lang nicht mehr gesehen, als ich eines unserer Mitglieder, Harry, einen blinden Witwer, zu Hause besuchte. Wir waren mitten im Gespräch, als es an der Tür klopf­te. Das war Harrys Nachbar, ein pensionierter Herr, der seine Einkäufe im Supermarkt erledigt hatte. Harry stellte mich Bob vor. Er schwärmte, was für ein wundervoller Nachbar er doch sei. Als ich seinen Nachnamen hörte, der sehr ungewöhnlich war, wollte ich wissen, ob er vielleicht mit Fred verwandt wäre.

„Das ist mein Bruder!“, rief er aus.

„Ist nicht wahr ...“, antwortete ich. „Ich hab‘ ihn früher im Obdach­losenheim besucht. Er kam eine Weile lang zu unseren Gottesdiensten. Aber ich habe ihn bestimmt schon ein Jahr nicht mehr gesehen. Ich mache mir Sorgen und bete für ihn.“

„Ach, diesen Fred meinen Sie. Das ist der Sohn meines Bruders, mein Neffe. Ich mache mir auch Gedanken um ihn. Er ist ein echtes Sorgenkind“, meinte Bob. Wir sprachen noch ein wenig und er ging wieder. Die nächsten sechs Monate traf ich ihn nicht wieder. Eines Tages rief er mich aus heiterem Himmel an.

„Hallo, Kapitän. Fred ist bei mir und es geht ihm gar nicht gut. Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich habe ihm erzählt, dass wir uns beide   getroffen haben. Sie sind der Einzige, den er sehen und mit dem er reden möchte.“

Ich hatte gehofft, den Abend mit meiner Familie zu Hause zu ­verbringen. Aber was sein muss, muss sein.

„Sagen Sie ihm, ich bin gleich da. Wo wohnt er? Ich kann bei ihm auf einen Kaffee vorbeikommen.“ Ich hörte, wie Bob meinen ­Vorschlag mit Fred im Hintergrund besprach.

Dann meinte Bob: „Fred sagt, Sie können nicht bei ihm zu Hause vorbeikommen.“

Er musste mir nicht verraten, weshalb. „Okay, ich bin dann in zehn Minuten bei Ihnen und dann sehen wir weiter.“ Ich fuhr zu Bob und traf ihn und seine Frau. Fred kam heraus und stieg ins Auto.

„Ich fühle mich schrecklich, Kapitän, dass ich Ihnen solche ­Umstände mache, nachdem ich mich so lange nicht bei ihnen gemeldet habe.“

„Mach‘ dir keine Sorgen. Ich bin dein Freund. Deswegen gibt es ja Freunde. Sollen wir in der Stadt einen Kaffee trinken?“

„Nein, lieber nicht. Ich muss gestehen, dass ich mit den Drogen und dem Trinken wieder begonnen habe.

Dort gibt es Leute, die mich kennen. Ich könnte auf einen Dealer treffen. 

„Und wie wär‘s mit ...?“ Ich schlug eine andere Stadt vor, einige ­Kilometer weiter entfernt. „Dort gibt es ein Café im Tesco-Supermarkt. Wie wäre es damit? Kennt dich da irgendwer in der Stadt?“

„Ja, ein paar Leute, aber längst nicht so viele wie hier. Das geht schon in Ordnung“, antwortete er. Auf der Fahrt erzählte mir Fred, was seit unserem letzten Treffen passiert war. Es war eine lange Liste zerplatzter Träume, gebrochener Versprechen und unerfüllter Hoffnungen. Wir saßen einige Stunden beim Kaffee zusammen. Bevor ich ihm zum Abschluss anbot, mit ihm zu beten, stellte ich ihm noch eine letzte Frage.

„Fred, es ist fast drei Jahre her, seit du zum ersten Mal bei der ­Heilsarmee warst. Ich möchte nur eine Sache wissen - auch, wenn das jetzt vielleicht etwas selbstgefällig klingt.“

„Nur zu“, meinte er.

„Denkst du noch an das, was dir bei deinem ersten Gottesdienstbesuch geschehen ist?“

„Immer“, antwortete er. „Ich denke die ganze Zeit daran. Das verfolgt mich.“ In seinem Blick lag ein Schmerz. Ich lächelte einfach nur. Er fügte hinzu: „Ich weiß ... ich weiß schon, was ich tun muss.“ Ich gab keinen weiteren Kommentar dazu. Ich betete für ihn und brachte ihn dann zurück zu seiner Wohnung.

„Schau mal, Fred“, sagte ich, als er ausstieg, „bitte bleibe in ­Kontakt. Du bist mir wichtig. Auch wenn du vielleicht nie wieder zur ­Heilsarmee kommst, bitte vergiss‘ mich nicht.“ Er versicherte mir, dass er das nicht tun würde und wie wichtig ihm unsere Freundschaft sei. Es täte ihm leid, wie er mich behandelt hatte.

„Ist schon in Ordnung“, antwortete ich, bevor ich Gott um seinen Segen für ihn bat. Wir verabschiedeten uns und ich fuhr heim. Ich hörte nichts mehr von Fred. Nach einigen Monaten rief ich seinen Onkel Bob an. Ich  wollte wissen, wie es ihm geht, denn er wohnte nicht weit weg von ihm.

„Sie haben ihn vor ein paar Monaten aus der Wohnung ge­schmissen. Keine Ahnung, wo er jetzt ist“, erzählte mir Bob.

Es verging gut ein weiteres Jahr, in dem ich nichts von ihm hörte. Eines Freitagnachmittags, als ich gerade auf dem Sprung zu einer ­Zusammenkunft war, klingelte das Telefon. „Ich habe gerade Fred ­getroffen. Er hat keine Wohnung mehr, schläft auf der Straße und sieht ganz furchtbar aus!“ Das war Richard, ein anderer Heimbewohner, der Jesus in sein Leben aufgenommen hatte und nun unserem Korps angehörte. Ich konnte nicht sofort etwas unternehmen, da warteten gerade mal siebzig Menschen auf mich im Saal.

Sag‘ ihm, dass ich in anderthalb Stunden bei ihm bin. Ich kann jetzt nicht sofort kommen. Sag‘ ihm, er soll auf mich warten.“

Gleich nach der Zusammenkunft eilte ich in die Fußgängerzone, von wo aus Richard mich angerufen hatte. Weder Fred noch ­Richard waren da. Vergeblich suchte ich die ganze Stadt nach Fred ab. Ich rief Richard an, der mir sagte, Fred wäre nicht bereit, auf mich zu warten.

Nur etwa eine Woche später erhielt ich eine Nachricht, dass Fred sich vergangene Nacht die Pulsadern aufgeschnitten hatte und ins Krankenhaus gebracht wurde. Ich fühlte mich schrecklich, dass ich ihn nicht erreicht hatte. Ich rief das Krankenhaus am nächsten Tag an mit der Absicht, ihn mit meiner Frau zu besuchen. Doch er war bereits wieder entlassen worden.

Als ich die Schwester fragte, wohin er entlassen wurde, antwortete sie «Nach Hause».

„Aber er hat doch gar kein Zuhause. Er hat im Freien auf der Wiese geschlafen“, antwortete ich. Ich suchte die ganze Stadt ab, konnte ihn aber nicht finden. Das Krankenhaus war über fünfzehn Kilometer entfernt. Was sollte er da schon bei uns in der Stadt? Nur wenige Menschen interessierten sich wirklich für ihn. Und seine Familie, Bob ausgenommen, hatte ihn längst aufgegeben. Ich hätte so gerne mit ihm geredet, hatte aber keine Ahnung, wo er sein könnte. Mir blieb nichts anderes übrig, als Gott meine Sorgen zu schildern und auch andere zu bitten, für ihn zu beten.

Vier Tage später, als ich gerade von einem Gefängnisbesuch einige Kilometer von der Stadt entfernt zurückkam, fühlte ich einen starken Drang, nach ihm zu suchen.

Ich fragte mich, ob das wohl ein Zeichen Gottes war. Ich sass alleine im Auto. Da betete ich laut: „Herr, wenn du es bist, dann weißt du auch, wo Fred ist. Ich habe keine Ahnung, wo ich nach ihm suchen soll. Wenn du willst, dass ich ihn finde, dann musst du mich führen und ihn für mich finden.“

Gott gab mir keinen himmlischen Fingerzeig, kein übernatürliches Zeichen. Ich fuhr einfach in die Stadt, statt dass ich für eine kleine Zwischenmahlzeit nach Hause gefahren wäre.

Ich fuhr in Richtung eines zufällig (so schien es zumindest) ausgewählten Parkhauses, immer noch auf eine Antwort Gottes wartend. 

Als ich am Polizeirevier, an der Bibliothek und an der Post vorbei in Richtung Kriegsdenkmal fuhr, sah ich auf einmal Fred auf einer Bank sitzen. Er hatte den Kopf in die Hände gestützt. Wäre ich nicht zum Parkhaus abgebogen, hätte ich ihn beinahe mit dem Auto ­gerammt! Ich war sprachlos. Auch heute noch, so viele Jahre später, bin ich überzeugt, dass Gott mich zu Fred geführt hatte. Ich musste nicht einmal nach ihm suchen.

Ich stellte den Wagen ab, ging zu ihm und setzte mich daneben. Er sah nicht auf und schien meine Gegenwart nicht zu bemerken. Seine Augen waren weiter starr auf den Bürgersteig gerichtet. Er war ­völlig in seiner eigenen Welt gefangen und schien mich gar nicht wahrzunehmen.

„Hallo, Fred.“

Er war schmutzig, ungekämmt und unrasiert. Da blickte er auf. Als er mich sah, murmelte er etwas, das mir zu verstehen gab, ich solle ihn in Ruhe lassen. Auf seine Feindseligkeit antwortete ich, dass ich sein Freund sei und dass ich nicht weggehen würde. Er erzählte mir dann, dass er nicht mehr leben wolle und dass er versucht hatte, sich umzubringen.

„Ich weiß“, antwortete ich.

„Woher?“, grummelte er.

„Das ist doch egal. Wolltest du wirklich sterben oder war das nur ein Hilferuf?“, fragte ich.

„Ich hab‘s ernst gemeint“, gab er zur Antwort und zeigte mir, wie man sich auf zwei Arten die Pulsadern aufschlitzen könne, je nach­dem, was man erreichen wolle.

„Was ist passiert?“, wollte ich wissen.

„Was meinst du damit?“

„Naja, du hast versucht, dich umzubringen, aber du bist immer noch hier“, antwortete ich ihm. „Das Messer war zu stumpf und ich war zu besoffen“, gab er zurück. Tiefes Schweigen. Ich wusste nicht, was ich tun oder sagen sollte. „Wann hast du das letzte Mal getrunken?“, fragte ich.

„Vor zwei Tagen. Ich bin pleite. Wenn ich Geld hätte, wäre ich jetzt auch betrunken.“

„Und wann hast du das letzte Mal etwas gegessen?“

„Keine Ahnung“, antwortete er.

Wieder herrschte Schweigen. Da kam mir eine Idee, was ich als nächstes sagen könnte. Ich wusste, dass es unchristlich wäre, so etwas zu einer armen Seele wie Fred zu sagen. Aber ich musste einfach diese Wand durchbrechen, die ihn umgab. Ich hielt den Atem an und platzte schließlich heraus: „Du bist ein totaler Versager, nicht wahr, Fred?“ Diese Worte laut ausgesprochen zu hören schockierte mich und Fred gleichermaßen. Verwundert und wütend sah er zu mir hoch.

„Was soll das heißen?“, fragte er verärgert. „Nun, du bist nicht mal fähig, dich umzubringen.“

„Du Arschloch!“, rief er aus. Nicht gerade die Art Sprache, die ich gerne höre oder benutze. Aber in diesem Moment schien es passend zu sein, Freds Beleidigung einfach hinzunehmen.

„Kann schon sein, aber ich bin ein Arschloch, das dich liebt und heute für dich da ist.“ Das Eis war gebrochen. Fred sah mich an und ein Lächeln machte sich auf seinem Gesicht breit.

„Mein Auto steht da vorne. Wir besorgen dir jetzt was zu essen und fahren dann zum Obdachlosenheim“, schlug ich vor.

„Lieber nicht. Ich stinke, ich möchte so niemandem unter die ­Augen treten. Und ins Auto steigen, schon gar nicht.“

„Ja, du stinkst, Fred. Aber steig‘ trotzdem ein“, antwortete ich und versuchte, etwas Leichtigkeit in die Situation zu bringen. ­Zögerlich folgte mir Fred auf wackeligen Beinen zum Parkhaus. „Ich glaube, ich bin unterernährt“, meinte er. Ich konnte ihn überzeugen, eine Portion Pommes anzunehmen.  Dann schlug ich vor, er solle heute Abend zu uns in den Saal kommen, dort gäbe es ein gemeinsames Essen. Wir hielten dort einen Alphakurs. Dazu gehörte immer auch eine gemeinsame Mahlzeit.

Er lehnte ab - seine Erscheinung und Unsauberkeit waren ihm peinlich. Ich sagte, dass sicher ein oder zwei Menschen am Abend dabei wären, die sich an ihn erinnern könnten. Sie würden sich freuen, ihn wiederzusehen - ganz egal, in welchem Zustand. Und dass meine Frau sicher enttäuscht wäre, wenn er ihr Essen ausschlagen würde. Sie war wieder mal an der Reihe mit dem Kochen. Und er hatte ihr damals immer wieder Komplimente für ihre Kochkunst gemacht, als er bei uns zu Besuch war. Ich schlug vor, ihn zu dem Obdachlosenheim zu fahren. Dort, wo wir uns zum ersten Mal begegnet waren.

Keiner der Mitarbeiter stand für ein Aufnahmegespräch zur Verfügung. An Freds Verhalten merkte ich, dass all die Zuversicht, die er einmal gehabt hatte, verschwunden war. Wir sollten in zwei Stunden wiederkommen, hiess es. So gingen wir wieder. Ich nahm ihn also mit zum Heilsarmeesaal, wo gerade der Frauentreff stattfand. Er wollte nicht, dass ihn irgendjemand sieht. Ich führte ihn in einen Seitenraum. Meiner Frau in der Küche sagte ich Bescheid. Sie brachte ihm eine Tasse Tee und setzte sich eine Weile zu ihm. Dann ging er ins Bad und machte sich ein wenig frisch.

In der Zwischenzeit rief ich bei Geoff an. Ich hinterliess bei seiner Frau eine Nachricht für ihn. Zu diesem Zeitpunkt war Geoff bereits vier Jahre trocken nachdem er 25 Jahre lang Alkoholiker gewesen war. Als er nach Hause kam, rief er mich zurück.

„Ich komme sofort vorbei“, meinte er, als ich ihm von seinem alten Kumpel Fred erzählte. Geoff und seine liebenswürdige Frau, ebenfalls gläubige Christin, lebten in einer anderen Stadt, etwa zwanzig Kilometer entfernt.

„Aber du kannst doch nicht fahren, Geoff. Deine Frau hat mir erzählt, dass du gestern eine Operation an der Hand hattest und dass du noch nicht lange wieder zu Hause bist. Ich wollte nur anrufen und dich bitten, für Fred zu beten“, sagte ich. „Warum hast du mir ­ei­gentlich nicht von deiner OP erzählt?“

„Ach, ich wollte dich damit nicht nerven. Ich nehme jetzt den Bus. Ich muss einfach vorbeikommen“, antwortete er. An seiner Stimme hörte ich,  dass er sich wirklich Sorgen um Fred machte. „Meine Hand ist übrigens nicht der einzige Grund, warum ich nicht fahren kann. Meine Frau hat das Auto gestern zu Schrott gefahren!“

Fred und ich fuhren für das Aufnahmegespräch wieder zum ­Obdachlosenheim. Er war zwar ein harter Kerl, aber er wollte mich trotzdem gerne dabeihaben. Er hatte Angst abgewiesen zu werden, hatte er doch einige Jahre zuvor, als er das Heim verließ, alle Brücken hinter sich abgebrochen. Wir wurden zwar nett empfangen, doch es war klar, dass Fred nicht ins Heim zurückgehen würde.

Also brachte ich Fred wieder ins Stadtzentrum. „Wir sehen uns dann um zwanzig nach sieben heute Abend im Saal, Fred“, ­erinnerte ich ihn zum Abschied.

„Ich werde da sein“, antwortete er und stieg aus.

Als ich eine Stunde vor der Mahlzeit im Saal ankam, war Geoff schon da, die Hand in einem dicken Verband.

„Wo ist Fred?“, wollte er wissen.

„Ich habe ihm gesagt, er soll in einer Stunde kommen. Wir können ihn zusammen abholen, wenn du willst“, schlug ich vor.

„Weißt du denn, wo er ist?“ „Nein“, antwortete ich.

„Woher weißt du dann, wo du ihn suchen sollst?“, fragte Geoff. „Gott hat ihn heute schon einmal gefunden, das schafft er sicher noch ein zweites Mal“, gab ich zurück. Als wir die Hauptstraße an der Pfarr­kirche entlangfuhren, sahen wir Fred. Da saß er auf einer Bank an der Wand in der Abendsonne eines schönen Maitages. Ich fuhr an den Straßenrand und ging zu ihm. Als er mich näherkommen sah, dachte er wohl zuerst, dass ich ihn abholen wolle, weil ich nicht daran glaubte, dass er auch tatsächlich zum Treffen ­erscheinen würde.

„Ich komme doch. Um zwanzig nach sieben, hast du doch gesagt“, meinte er etwas genervt.

„Ja, ich weiß, mach dir deswegen keine Sorgen. Ich habe eine Überraschung für dich, Fred. Darum habe ich dich gesucht. Steig‘ ein.“ Als Fred hinten einstieg und Geoff sich zu ihm umdrehte, lag eine gewisse elektrische Spannung in der Luft und wir alle fühlten uns im Innersten tief bewegt.

Vier Jahre zuvor, als ich sie beide das erste Mal traf, waren beide Männer in einem schlechten Zustand gewesen. Ihre Probleme hatten sie mit Gewalt gelöst. Seit ihrem letzten Treffen hatten sie einen ­langen Weg zurückgelegt, wenn auch in verschiedenen Richtungen.

Zurück im Heilsarmeegebäude führte ich Geoff und Fred in einen kleinen Raum, wo sie sich unterhalten konnten. Eine halbe ­Stunde später stießen sie zu den anderen Essensgästen dazu. Einer der Teilnehmer kannte Geoff und Fred noch aus seiner Zeit im Obdach­losenheim. Er war über Freds Zustand entsetzt und ging sogleich nach Hause. Dort packte er einige Kleidungsstücke für ihn ein.

Nach der Mahlzeit wandte ich mich zu Fred und sagte ihm, er könne ruhig gehen, wenn er möchte. Er würde gerne noch für die Videovorführung bleiben, antwortete er. Ich versuchte wieder, ihn zu überzeugen. Ich wollte ihm klarmachen, dass ich ihn nicht bloß zum Essen eingeladen hatte, damit er sich schuldig fühlt. Oder den ganzen Abend lang bleibt. Doch er beharrte darauf, dass er für den Film bleiben wolle.

Bei der Videovorführung sprach Nicky Gumbell über einen Vers aus der Offenbarung (3,20): „Merkst du es denn nicht? Noch ­stehe ich vor deiner Tür und klopfe an. Wer jetzt auf meine Stimme hört und mir die Tür öffnet, zu dem werde ich hineingehen und Gemeinschaft mit ihm haben.“ Dazu wurde Holman Hunts Gemälde Das Licht der Welt gezeigt, das in der St. Paul‘s Cathedral zu sehen ist.

Er beschrieb, wie das Gemälde Jesus an einer mit Efeu überwucherten Tür zeigt. Diese Tür sei ein Symbol für die Tür zum Leben eines Menschen. Ein Mensch, der Jesus nie in sein Leben eingelassen hat. Jesus steht nun also an der Tür, klopft und wartet auf Einlass. Er möchte am Leben dieses Menschen teilhaben. Jemand  wies einmal Holman Hunt darauf hin, dass er wohl vergessen hatte, den Türgriff zu malen. Doch der Maler meinte nur: „Oh nein, das war Absicht. Es gibt nur einen Griff an dieser Türe - und der ist innen angebracht.“

Ich spülte in der Küche die Teller, Töpfe und Pfannen nicht ­ahnend wovon der Film an diesem Abend handelte. Die Teilnehmer wussten nicht, was diese Worte in Fred auslösen würden. Als er noch ein ­kleiner Junge war, kam eines Tages ein Pfarrer in die Schule. Er schenkte ­jedem Kind ein Bild von genau diesem Gemälde. Dazu erzählte er den Kindern genau die gleiche Geschichte - dass es nur einen Griff an der Tür des menschlichen Herzens gäbe, nämlich im Inneren. Christus drängt sich nicht auf. Man muss ihn in sein eigenes Leben einladen. An jenem Abend erinnerte sich Fred wieder an diese Worte von damals.

Nach dem Video teilte sich das Publikum in zwei Gruppen auf. In jeder Gruppe wurde über das Gesehene und Gehörte diskutiert. Fred und Geoff verschwanden im Hauptsaal. Ich war immer noch mit dem Spülen beschäftigt. Da kam Geoff herein und bat mich: „Kapitän, kannst du bitte übernehmen? Ich komme nicht weiter.“ Ich hatte keine Ahnung, worüber sie gesprochen hatten. Als ich den Saal ­betrat, spürte ich Gottes Macht im Raum. Mir kam der Gedanke: „Wenn Fred doch nur Jesus in sein Herz einlassen würde ...“ Ich setzte mich neben Fred, Geoff nahm auf der anderen Seite Platz.

„Wie geht es dir, Fred?“ „Ganz gut, Kapitän“, antwortete er.

„Darf ich vielleicht ein Gebet mir dir sprechen, Fred?“ Er antwortete: „Natürlich darfst du.“

Ich legte den Arm um ihn und betete einfach: „Lieber Vater, bitte schenke Fred den Wunsch, Jesus in sein Herz einzulassen.“

Da antwortete Fred: „Ich möchte Jesus in mein Herz einlassen.“ Ich öffnete meine Augen und sah einen sehr emotionalen Geoff, der Fred ein paar Mal fest vor die Brust schlug. „Dann bitte ihn doch einfach, Fred. Bitte ihn einfach“, flehte er. „Bitte, Jesus, vergib‘ mir und komm‘ in mein Herz.“ Das war alles, was Fred sagte. Es war, als würde sich der Himmel auftun. Kaum hatte Fred diese Worte ausgesprochen, da brach Geoff in Tränen aus und auch Fred begann zu schluchzen, so wie ich auch. Der Heilige Geist fuhr mit aller Macht auf uns herab und der Herr Jesus fand Einlass in Freds Herz.

Wir beteten noch eine Weile, priesen den Herrn und weinten. Dann gingen wir in die Küche zu den Helfern des Alphakurses. Die ­übrigen Teilnehmer hatten sich am Ende der Diskussionen ver­abschiedet. In der Küche bemerkten sie, dass der Kapitän seine Arbeit nur zur Hälfte erledigt hatte. Als wir zur Tür hineinschauten, beseitigten sie gerade das Chaos, das ich hinterlassen hatte. Ich erzählte ihnen, was geschehen war. Als sie von Freds Entscheidung hörten, waren sie überglücklich. Sie stoppten ihre Arbeit und um­armten ihn. Als sie dies taten, sah ich Freds Zustand und das be­rührte mich tief.

Geoff fragte sich unterdessen, wie es jetzt für die Nacht mit Fred weitergehen sollte. Er nahm mich beiseite. „Ich weiß, das klingt jetzt gemein. Doch ich habe wirklich den Eindruck, dass er besser nicht zu mir nach Hause kommen sollte“, meinte Geoff.

„Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Das mag jetzt furchtbar klingen, aber ich denke, wir sollten ihn jetzt Gottes Fürsorge überlassen.“ Als wir den Saal abschlossen, war es draussen warm und trocken. Um diese Zeit fuhren keine Busse mehr. Also fuhr ich Geoff in sein zwanzig Kilometer entferntes Zuhause, während Fred - ganz euphorisch von seinem Erlebnis mit Jesus  -sich auf den Weg zum Park zum Übernachten aufmachte.

Am nächsten Tag um die Mittagszeit traf ich Fred wieder. Da seine Schuhe völlig kaputt waren, hatte ich ihm ein Paar von meinen mitgebracht. Dann lud ich ihn auf eine Mahlzeit in ein Café ein.

„Hast du gut geschlafen?“, fragte ich ihn unterwegs.

„Nein, schlechter als sonst“, antwortete er.

„Das tut mir leid“, gab ich zurück. Ich hatte erwartet, dass er mir von einer fantastischen Nacht und einem unerklärlichen inneren Frieden erzählen würde!

„Das muss es nicht“, meinte Fred. „Es war toll. Immer, wenn ich wach wurde, habe ich mir die Sterne angeguckt und gedacht, wie gesegnet ich doch bin, und dann habe ich den Herrn gelobt und ihm gedankt!“

Ich war erstaunt und beeindruckt. Als ich ihm so zuhörte wusste ich, dass Gott etwas Wunderbares und Wahrhaftiges im Herzen meines Freundes ausgesät hatte. Das war nicht mehr derselbe Fred, den ich vier Jahre zuvor kennengelernt hatte.

Viele in der Heilsarmee, die seine Geschichte gehört hatten, beteten für seine Zukunft. Am nächsten Tag traf ich ihn wieder und lud ihn zum Mittagessen ein. Er meinte, die Schuhe seien sehr bequem. Und fügte hinzu: „Letzte Woche hätte ich nie gedacht, dass ich schon bald in den Schuhen des Kapitäns rumlaufen würde!“ Wir mussten beide lachen. Ich erzählte ihm, dass ich felsenfest von seiner Bekehrung überzeugt war. Er hätte sich wirklich in Gottes Hand begeben. Gott würde für ihn einen Weg finden und würde ihm die Türen in ein ganz neues Leben öffnen. Ich betete: „Herr, bitte beeile dich.“

„Das wird er, Kapitän. Die letzten zwei Tage waren einfach unglaub­lich. Ich bin heute richtig durstig aufgewacht, aber als ein anderer ­Alkoholiker im Park mir eine volle Dose anbot, habe ich Nein gesagt. Ich wusste, dass der Herr mich davor bewahrt hat.“

Wir gingen ins selbe Café wie am Tag zuvor. Dort sahen wir einen Mann, der am Essen war. Sein Name war Steve. Ich hatte ihn schon einmal zusammen mit einem Freund gesehen, als wir vor einem ­Supermarket Weihnachtslieder sangen. Sie waren Christen aus London und bauten gerade ein Haus in der Stadt. Unter der Woche wohnten sie auf der Baustelle in einem Wohnwagen. Am Wochenende fuhren sie zurück nach London. Ich freute mich, Steve wiederzusehen. Wir hatten uns seit Weihnachten noch ein paar Mal getroffen, und ich hatte gemerkt, dass er ein tiefgläubiger, bibeltreuer Mann Gottes war.

Also ging ich zu ihm hinüber und sagte hallo. „Na, so ein Zufall!“, sagte er. „Eigentlich komme ich nie hier zum Mittagessen. Aber weil wir ja gerade ein verlängertes Wochenende haben, machte ich frühzeitig Schluss mit der Arbeit. Ich wollte nur kurz noch was essen, bevor es heute Nachmittag zurück nach London zu meiner Tochter geht. Und prompt  treffe ich dich hier.“ Ich stellte ihm Fred vor und erzählte ihm, wie er sein Herz zwei Tage zuvor Jesus geschenkt hatte. „Fantastisch“, meinte Steve.

„Darf Fred sich dazusetzen?“, fragte ich.

„Sicher“, antwortete er. Fred setzte sich. Ich ging zum Counter,  bestellte etwas für ihn und zahlte. Dann sagte ich zu Fred, dass Steve gerade ein Haus baute. Ich wandte mich zu Steve und erzählte ihm, welche Qualitäten Fred als Maurer hat. Sie sahen einander verblüfft an.

Da fragte Steve: „Brauchst du vielleicht noch eine Unterkunft?“

„Na und ob!“, antwortete Fred überrascht.

„Schau, ich werde jetzt warten, bis du aufgegessen hast. Dann gehen wir zum Supermarkt und kaufen dir noch was zu essen ein. Du kannst dann in meinem Wohnwagen übernachten. Ich werde bis Dienstag weg sein und mein Partner ist ausgezogen. Wir sehen uns dann ­wieder, wenn ich zurückkomme.“

„Aber du kennst mich doch gar nicht“, entgegnete Fred, ganz ­erstaunt über das Angebot.

„Du bist doch mein Bruder, Kumpel“, gab Steve schlicht zurück.

An jenem Abend wollte ich Fred vom Wohnwagen abholen und ihn mit nach Hause nehmen, wo er hätte baden, essen und sich ­umziehen können. Doch als ich ankam, war Steve nirgends zu ­sehen. Sie hatten sich den ganzen Nachmittag im Café unterhalten und gebetet. Dabei stellten sie fest, dass sie viele Gemeinsamkeiten hatten. Fred erzählte mir später, dass Steve so sehr von seiner Geschichte ergriffen war, dass er für einige Minuten nach draussen musste, damit er nicht in Tränen ausbrach.

Fred wohnte ein ganzes Jahr lang mit Steve im Wohnwagen. Schliesslich fand er eine schöne Wohnung bei derselben ­Genossenschaft, die ihn zuvor rausgeworfen hatte. Wie es dazu kam? Dank seines neuen Glaubens entwickelte Fred ein Verantwortungsgefühl. Er entschied sich, seine Schulden bei seinem vorigen Vermieter zurückzuzahlen. Dies, obwohl er selbst kaum etwas hatte und sein Vermieter ihn sowieso nicht wieder zurücknehmen würde – so dachte er wenigstens.

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