Gedanken zum fünften Glaubensartikel der Heilsarmee

von Alfred Preuß / Woran wir glauben

Im diesem Glaubensartikel geht es um unsere Herkunft und um unseren Stand. Unsere Herkunft liegt bei Gott, dem Schöpfer und Erhalter aller Dinge. Unser Stand Gott gegenüber ist, dass wir zu Recht seinem Zorn ausgesetzt sind. Der Mensch wurde als Ebenbild Gottes geschaffen, das macht sich in erster Linie daran bemerkbar, dass er den freien Willen hat und zwischen Gut und Böse unterscheiden kann, was er denn auch weidlich ausnutzte.

Der „Sündenfall“ war mehr als das Übertreten eines Gebotes: „Aber von den Früchten des Baumes mitten im Garten hat Gott gesagt: Esset nicht davon, rühret sie auch nicht an, dass ihr nicht sterbet!“, 1. Mose 3,3. Im Übertreten des Gebotes liegt mehr als ein „Verstoß“ oder „Vergehen“, es ist die Auflehnung des Menschen gegen Gott, die tief sitzende Rebellion gegen den Schöpfer. Und damit ist die Ebenbildlichkeit des Menschen aufs Spiel gesetzt. Der Apostel Paulus greift diese Tatsache auf, indem er sagt: „Denn es ist hier kein Unterschied: sie sind allesamt Sünder und ermangeln des Ruhmes, den sie bei Gott haben sollten“, Römer 3,22.23.

Adam und Eva hörten auf den Widersacher Gottes und verloren ihre Unschuld. Vor dem Sündenfall hatte der Mensche das Vermögen, nicht zu sündigen, nach dem Sündenfall hat der Mensch das Unvermögen, nicht zu sündigen. 

Manchmal denken wir Christen, der heutige Mensch wüsste nicht mehr, was Sünde bedeutet. Das ist falsch. Auch der heutige Mensch weiß ganz genau, was Sünde bedeutet. Das Wort „Sünde“ ist in unserem Sprachgebrauch keineswegs ausgerottet. Es gibt Steuersünder, Verkehrssünder und Umweltsünder, viele dieser "Sünden" werden einmal offenbar. Das Wort „Sund“, von dem sich das Wort „Sünde“ ableitet, bedeutet ursprünglich „(ab)-sondern“. Dieses Wort gibt es in allen skandinavischen Sprachen, im schwedischen heißt es auch „zerbrochen“. Damit wäre ein „Sund“ eine Landtrennung oder ein Bruchspalt. Damit wird alles erklärt. Das Wort Sünde kann Trennung von Gott bedeuten, es kann heißen, die Beziehung zu Gott ist zerbrochen und es wird der Bruch in der Verbindung zu Gott ausgedrückt. Damit wird deutlich: der Sünder hat seine Beziehung zu Gott, seine Bestimmung verloren. Er hat die Ebenbildlichkeit Gottes verloren, zu der folgende Merkmale gehören:

+ Der Mensch ist für die Ewigkeit geschaffen – für die nicht enden wollende Gemeinschaft mit Gott.

+ Der Mensch ist in Sündlosigkeit geschaffen.

+ Der Mensch spiegelt Gottes Angesicht auf der Erde wider.

+ Der Mensch hat den freien Willen und damit die Möglichkeit der Entscheidung und der Wahl.

+ Der Mensch ist ein Gegenüber Gottes und keine Marionette.

+ Gott liebt sein Gegenüber, den Menschen, und möchte auf freiwilliger Basis von ihm geliebt werden.

Diese Merkmale der Ebenbildlichkeit Gottes hat der Mensch nach dem Sündenfall zwar nicht verloren, sie sind aber nur noch ein Zerbild dessen, was Gott sich bei der Schöpfung des Menschen gedacht hat. Die Merkmale der Sünde sind nun in den Vordergrund getreten.

Sünde ist ein zwanghafter Trieb zur Rebellion gegen Gott. Der Teufel ist der erste Rebell, er verführt zur Sünde und stellt Gottes Autorität in Frage. Er verführt zum Ungehorsam.

Sünde ist ein personeller Akt der Abwendung von Gott. Das Ego des Menschen bestimmt sein Leben. Sünde ist Emanzipation von Gott. Jeder ist für seine Sünde verantwortlich.

Sünde ist ein Totalakt, der die ganze Existenz des Menschen betrifft. Sünde fängt im Herzen des Menschen an, betrifft aber alle Bereiche seines Lebens.

Sünde ist universal, das heißt, meine Sünde hat dazu geführt, dass Jesus Christus am Kreuz zu meiner Versöhnung sterben musste. Es heißt aber auch, die Sünde der ganzen Welt hat dazu geführt, dass Jesus Christus am Kreuz zur Versöhnung der Menschheit sterben musste.

Sünde ist auf die Zeit beschränkt. Die Sünde herrscht von Adam bis zum Jüngsten Tag, an dem Jesus Christus sein Gericht über alle Menschen abhält. Die Sünde ist auf diesen Zeitraum beschränkt, die Gnadenzeit, also die Zeit, in der Menschen ihre Schuld bereuen und die Versöhnung mit Gott erlangen können, ist auch auf diese Zeit begrenzt.

Der Mensch ist dem Zorn Gottes ausgesetzt. Dieser Teil unseres Glaubensartikels könnte Fragen aufwerfen. Ist der Gedanke an den lieben Gott mit der Vorstellung eines zornigen Gottes vereinbar? Ist ein richtender Gott ein gerechter Gott? Wenn wir im ersten Glaubensartikel die Bibel als inspiriertes Wort Gottes bezeichnen, das die Richtschnur unseres christlichen Glaubens und Lebens bildet, werden wir zu dem Schluss kommen, dass die Strafe für die Sünde nur der Tod des Sünders sein kann. Gottes Zorn über den Sünder ist gerecht. Aber Gottes Liebe für den Sünder ist größer, daher hat Gott das Gericht an seinem Sohn Jesus Christus und damit an sich selbst vollzogen.

„Denn der Lohn der Sünde ist der Tod; das unverdiente Geschenk Gottes dagegen ist das ewige Leben durch Christus Jesus, unseren Herrn“, Römer 6,23.

„Er (Jesus Christus) war in der Welt, und die Welt ist durch ihn gemacht; aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum; und die Seinen nahmen ihn nicht auf. Wie viele ihn aber aufnahmen, denen gab er Macht, Gottes Kinder zu werden, denen, die an seinen Namen glauben“, Johannes 1,10.11.

Hier liegt nun die Verantwortung jedes Einzelnen. Die Sünde trennt von Gott. Jesus hat die Versöhnung für die ganze Welt geschaffen, wer seine Schuld vor Gott bekennt und Jesus die Herrschaft über sein Leben anvertraut, ihn in sein Leben aufnimmt, der hat das Leben.

 

Alfred Preuß

Die Lehren der Heilsarmee

In dieser Serie veröffentlichen wir in unregelmäßigen Abständen Beiträge, die sich mit den elf Glaubensartikeln, dem Glaubensbekenntnis der Heilsarmee beschäftigen, sie erklären und erläutern.

Der 4. Glaubensartikel:

 „Wir glauben, das in der Person Jesu Christi die göttliche und die menschliche Natur vereinigt sind, so dass er wirklich und wahrhaftig Gott und wirklich und wahrhaftig Mensch ist.“

Nur in Jesus ist das Heil

Die Lehre von Jesus Christus ist das Herzstück der ganzen biblischen Lehre; denn Christus ist das Herz der Schrift. An ihm entscheidet sich alles. „In keinem anderen ist das Heil, auch ist kein anderer Name den Menschen gegeben, durch den wir sollen selig werden“, Apostelgeschichte 4,12, und „Wer an den Sohn glaubt, der hat das ewige Leben. Wer aber dem Sohn nicht gehorsam ist, der wird das Leben nicht sehen, sondern der Zorn Gottes bleibt über ihm“, Johannes 3,36, sowie „Wer den Sohn Gottes nicht hat, der hat das Leben nicht“, 1. Johannes 5,12.

Für die Heilsarmee ist die Lehre von Jesus Christus von entscheidender Bedeutung. Wir können keinesfalls unseren Dienst an Jesus vorbei tun. Unser Dienst wird bestimmt von unsere Beziehung zu Jesus. Unser Rufen zu Jesus (Mission/Evangelisation) wird bestimmt von unserer Beziehung zu Jesus. Unsere Seelsorge wird bestimmt von unserer Beziehung zu Jesus. Unsere Verkündigung wird bestimmt von unserer Lehre über Jesus. Unsere Werke der Nächstenliebe können nur von Jesus her gesehen und getan werden.

Jesus ist unser Retter und Heiland. Er trägt den griechischen Titel „Christus“. Dies entspricht dem hebräischen „Messias“ und heißt übersetzt: der „Gesalbte“.

Wir sprechen von der zweiten Person der Dreieinigkeit und nennen sie Jesus seit der Inkarnation bzw. Fleischwerdung (vom lateinischen carnis = Fleisch). Mit der Fleischwerdung ist gemeint, dass ein geistliches Wesen („Gott ist Geist“, vgl. Johannes 4,24) in einem fleischlichen Körper, einem menschlichen Körper, gegenwärtig ist. Die Aussage in Johannes 1,14: „Das Wort ward Fleisch“ kann deshalb wie folgt verstanden werden: „Das Wort, d. h. Gott, hat eine menschliche Erscheinungsform angenommen.“

Die Menschwerdung Jesu ist eine historische Tatsache

Es ist zu bemerken, dass die Menschwerdung Jesu eine historische Tatsache ist, die zu einer genau bestimmbaren Epoche der Menschheitsgeschichte stattfand. Der ausführliche Stammbaum im Matthäusevangelium belegt ebenso, dass Jesus Christus eine historische Person ist, wie unser Kalender, der sich nach der Geburt Jesu Christi berechnet. Im Gegensatz dazu steht die Mythologie, die nur aus dem Versuch resultiert, die Welt erklären zu wollen, ohne auf irgendeiner wirklichen oder historischen Tatsache zu beruhen. Denn Jesus wurde gesehen, gehört, selbst wenn ihn nicht alle Menschen als Sohn Gottes anerkannten und anerkennen.

Jesus ist das Ebenbild Gottes

Er ist nicht der Sohn Gottes deshalb, weil Gott mit einer Frau oder einer Göttin ein Kind gehabt hätte, wie etwa in der griechischen oder römischen Mythologie. Der Ausdruck „Sohn Gottes“ muss anders aufgefasst werden. Jesus wurde durch den Willen Gottes und das Eingreifen des Heiligen Geistes geboren. Er ist das Ebenbild Gottes, geboren von einer Frau, und er erschien wie ein einfacher Mensch.

Um seine Person zu erkennen, muss die Lehre von ihm umfassend sein. Dazu gehört, dass seine göttliche Natur ewig ist, dass er durch die Inkarnation Mensch wurde. Er war Gott und Mensch! Weiter gehört dazu, dass er sich deshalb als göttliches Sühneopfer darbringen konnte, er auch nach seiner Erhöhung noch eins mit der Menschheit ist, er den Menschen wieder in göttlicher Herrlichkeit offenbart werden wird und er dann zum Heil derer kommen wird, die auf ihn warten.

Im Zusammenhang mit der Göttlichkeit und der Menschlichkeit Jesu ist folgendes ausdrücklich festzuhalten: „In Jesus Christus sind die göttliche und die menschliche Natur in einer Person vereinigt. Es sind nicht zwei Personen, eine göttliche und eine menschliche; so wie Christus auch nicht eine geteilte Person, teils göttlich und teils menschlich, ist.“

Jesus war also nicht manchmal Gott und manchmal Mensch. Seine beiden Naturen sind fortwährend vereinigt (1. Timotheus 2,5.6).

Bis die Urkirche sich schließlich auf diese Lehre festlegte, hatte sie eine ganze Reihe von Auseinandersetzungen, Streitereien, Konzilien durchzumachen. Unter der Herrschaft von Pulcheria und ihrem Mann Marcian wurde das Konzil zu Chalcedon einberufen. Im Jahre 451 kamen über 400 Teilnehmer zusammen. Folgende Erklärung wurde als Ergebnis abgegeben:

Wir lehren alle einmütig, einen und denselben Sohn zu bekennen, unseren Herrn Jesus Christus. Derselbe ist vollkommen in der Menschheit, derselbe wirklich Gott und wirklich Mensch aus einer vernünftigen Seele und einem Körper. Er ist dem Vater wesensgleich nach der Gottheit und derselbe uns wesensgleich nach der Menschheit, in jeder Hinsicht uns ähnlich, ausgenommen die Sünde. Vor aller Zeit wurde er aus dem Vater der Gottheit nach gezeugt, in den letzten Tagen aber wurde derselbe um unsert- und unseres Heiles willen aus der Jungfrau und Gottesgebärerin (theotokos) Maria der Menschheit nach geboren. Wir bekennen einen und denselben Christus, den Sohn, den Herrn, den Einziggeborenen, der in zwei Naturen, unvermischt, ungewandelt, ungetrennt, ungesondert geoffenbart ist. Keineswegs wird der Unterschied der Naturen durch die Einigung aufgehoben, vielmehr wird die Eigenart jeder Natur bewahrt, und beide vereinigen sich zu einer Person (propõson) und einer Hypostase …“ Zitiert aus: Die Geschichte des Christentums, hrsg. von Tim Dowley, R. Brockhaus Verlag 1992, S. 164-183).

So wurde im Laufe der Jahrhunderte die Tatsache, dass Jesus Christus wahrer Mensch und wahrer Gott ist, allgemein anerkannt und fand seinen Einzug in das Glaubensbekenntnis der Heilsarmee.

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