Die zweigeteilte Heimat – Ein Rückblick

30 Jahre Wiedervereinigung

von Alfred Preuß / THQ

Foto; betexion/pixabay.com

In diesen Tagen denken wir an die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. Mein Blick geht zurück auf die Jahre der real existierenden DDR. Sie war meine Heimat. Allerdings eine Heimat, die für mich nicht real existierte. Sie war weit weg und über Jahre für mich und meine Eltern nicht erreichbar.

1954 wurde ich in Thale am Harz geboren und zwei Jahre später ging ich zu meinen Eltern ins Siegerland.

Im Zuge einer Familienzusammenführung durfte mich meine Mutter, die, wie mein Vater Monate zuvor, geflohen war, abholen. Damit wurde eine Tür geöffnet, die mich Monate von meinen Eltern getrennt hatte. Gleichzeitig schloss sich damit aber hinter mir über Jahre die Tür zu meiner Heimat und meiner Familie. Diese Tür sollte über Jahre geschlossen bleiben.

Besuche in der alten Heimat

Ich erinnere mich daran, dass wir 1959 die erste Erlaubnis für einen Besuch in Thale bekamen. Stündlich kamen neue Telegramme. Einmal hieß es. Wir dürfen einreisen, um den 50. Geburtstag meiner Oma mitzufeiern. Im nächsten Telegramm wurde die Einreise verweigert. Meine Mutter war ständig dabei, die Koffer einzupacken und wieder auszupacken. Zum Schluss wurde uns die Reise nicht erlaubt. Erst 1963 durften wir zu Weihnachten „nach Hause“ kommen und an dieses Fest werde ich mich immer erinnern.

Danach gab es viele Gelegenheiten, den Sommer in Thale zu verbringen. Der Hexentanzplatz, die Rosstrappe und das Bergtheater sind mir unvergesslich. Ebenso die Wanderungen durch das Bodetal und der Schrebergarten meines Opas. Dort war es, wo er mir zeigte, wie man Rosen veredelt und ich konnte mich nicht sattsehen an den Gartenzwergen meines Opas. Die saßen auf Wippen und Karussells. Alles war beweglich und wurde durch ein Wasserrad angetrieben. Ich weiß nicht mehr, wie viele Suppenkellen daran glauben mussten, um dieses Wasserrad zu bauen.

„Bitte erzähl' keine DDR-Witze!“

Thale war geprägt durch die „Hütte“ mit ihrer großen Verzinkerei und dem Emaillierwerk. Große Lastwagen holten die Kochtöpfe und anderes Geschirr in den Westen, wo sie in den großen Waren- und Versandhäusern angeboten wurden. Es war in meinen Augen eine trostlose Stadt und für mich typisch „DDR“. Die Angst meiner Verwandtschaft übertrug sich auch auf mich. Man hatte viele Auflagen zu erfüllen, Meldung bei der Polizei, Eintrag ins „Hausbuch“ und Zwangsumtausch. Reisen in die nähere Umgebung waren immer ein Problem. Weiter weg ging gar nicht. So bekam ich nur einmal im Laufe der Jahre Halle-Neustadt zu sehen. Wir waren dort zur einer Hochzeitsfeier eingeladen. Mir wurde im Vorfeld eingebläut, nur nicht einen meiner sonst so geschätzten „DDR-Witze“ zu erzählen. Wir kannten nur einen Teil der Hochzeitsgäste, ob man den anderen trauen konnte war ungewiss und Scherereien war das letzte, was wir brauchen konnten. So blieben für mich immer Angst und ein beklemmendes Gefühl bei meinen Besuchen in der Heimat.

„So, haben Sie Westbesuch?“

Da waren die unangenehmen Fragen auf der Straße an Tante oder Oma: „So, haben Sie Westbesuch?“

Manchmal wurde ich in den „Konsum“ geschickt, um Butter zu kaufen. Mehr Butter als es die „Zuteilung“ erlaubte. Am liebsten wäre ich im Erdboden versunken, wenn eine der Verkäuferinnen der anderen zuschrie: „Das geht in Ordnung die haben Westbesuch.“ Ich war mir sicher, dass alle Augen auf mich, den kleinen Jungen aus dem „Westen“, gerichtet waren und kam mir vor wie ein Außerirdischer.

Was wäre gewesen, wenn ...

Ich habe mir oft Gedanken gemacht, wie mein Leben verlaufen wäre, wenn ich in der DDR aufgewachsen wäre, wenn ich mit 35 Jahren die „Wende“ als Bürger der DDR erlebt hätte, wenn ich, nachdem meine Eltern geflohen waren, zur anonymen Adoption freigegeben worden wäre.

Was wäre aus meinem Leben geworden? Hätte ich meine Eltern je wiedergesehen? Hätte ich zum Glauben an Jesus Christus gefunden? Hätte ich meine Frau kennen gelernt? Hätte ich in der Heilsarmee meine Bestimmung gefunden? Auf diese „Wenn-Fragen“ gibt es keine Antworten. Aber Gott hat mich von Kind auf bewahrt und seinen Plan mit meinem Leben verwirklicht.

Über Eins bin ich traurig: Die Mauer ging nicht nur durch Deutschland, nicht nur durch Berlin. Die Mauer ging durch meine Familie und auch nach über 30 Jahren der Wende ist diese Mauer noch nicht weg. Unsere Familie ist nicht wieder richtig zusammengewachsen.

Über Eins bin ich froh: Die ehemalige DDR besteht nicht nur aus Thale und ein paar Plattenbauten in Halle, sie ist ein wunderbarer Teil Deutschlands mit schönen Landschaften und tollen Städten.

Alfred Preuß, Major

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