Das Schicksal der anderen

von / THQ

Seit der Flüchtlingswelle im Herbst 2015 hat die Heilsarmee in Deutschland vielfältig geflüchteten Menschen geholfen. Wir erinnern uns beispielsweise an unsere vielen Flüchtlingscafés, Deutschkurse und verschiedenen Unterbringungsmöglichkeiten. Inzwischen ist die Welle abgeebbt, aber nach wie vor kümmern wir uns um Geflüchtete. Wie wichtig diese Arbeit ist, wird deutlich, wenn wir einzelne Schicksale kennen. Als Beispiele schildern wir deshalb die Geschichten von A. und seiner Frau G. sowie von M. und E. mit ihrem Sohn, die von der Heilsarmee in Guben betreut werden.

A. stammt aus dem Iran. Er ist das jüngste von insgesamt neun Kindern. Sein Vater ist sehr religiös und hat ihm den muslimischen Glauben vermittelt. A. hatte viele Fragen. Zum Beispiel, warum er Gott nur in der arabischen Sprache anbeten durfte. Sein Vater wusste keine Antwort, war überfordert und bestrafte A. mit Schlägen. Ein Freund erzählt ihm von Jesus und warum er für unsere Sünden starb. A. erkennt, dass Jesus Gott ist. Beeindruckt ist er auch von der Liebe, die er bei den Christen kennenlernt. Jesus berührt sein Herz und im März 2015 kommt er im Haus seines Freundes zum Glauben. Zu dem Zeitpunkt ist A. noch als Koranlehrer tätig, weil sein Vater diesen Beruf so für ihn bestimmt hatte. Auf Apostasie („Abfall vom Glauben“) steht im Iran für Männer die Todesstrafe. Deshalb flieht A. im Juli 2015 über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien, Ungarn, Österreich, Deutschland und Dänemark nach Schweden, wo er am 18. Oktober 2015 getauft wird. Dort lernt er auch seine Frau G. kennen, die er wenige Wochen später heiratet.

„Du bist nicht mehr mein Sohn!“
A.
betet viel zu Jesus und träumt auch von ihm. „Jesus kam in mein Leben und mein Leben hat sich seitdem radikal geändert“, sagt er. Inzwischen sei er ziemlich entspannt, während er früher eher zu Jähzorn neigte. „Wenn ich zurück in den Iran gehe, werde ich getötet“, weiß A. „Mein Vater hat zu mir gesagt: ‚Du bist nicht mehr mein Sohn, weil du abgefallen bist.‘“ Für ihn steht jedoch fest: „Ich möchte für Gott arbeiten!“ Der 35-Jährige betreibt einen Weblog und ist sehr aktiv auf Facebook, um mit Menschen über seinen Glauben zu sprechen. „Ich habe keine Angst, weil Jesus ja gesagt hat: ‚Wer mir nachfolgen will, der nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach‘“, sagt A. Und dann fügt er hinzu: „Das Schlimmste, was mir passieren kann, ist, dass ich mein Leben verliere. Mehr nicht.“ Gemeinsam mit seiner Frau möchte er Heilssoldat werden.

G., sein Frau, ist ebenfalls 35 Jahre alt und in der Nähe von Teheran in einer muslimischen Familie aufgewachsen. „Ich habe mir diese Religion nicht ausgesucht“, erzählt sie. „Ich mochte den Islam nicht.“ Sie lernt eine junge Frau in dem Kosmetiksalon kennen, in dem sie arbeitet. Die beiden freunden sich an. Ihre Freundin erzählt ihr von Jesus und nimmt sie mit zu einem Gottesdienst, wo sie eine Bibel geschenkt bekommt. „Ich habe die Bibel gelesen und danach mochte ich Jesus“, erinnert sie sich. Sie fragt den Vater ihrer Freundin, wie sie zu Jesus kommen kann. Er liest ihr einfach einen Psalm vor und dadurch kommt sie am 3. März 2011 zum Glauben. Daraufhin trennt sich ihr damaliger Mann von ihr und lässt sich scheiden, ihre Familie verstößt sie. Danach hat sie große Angst, weil sie nicht mehr sicher ist. Eine ihrer Schwestern versteckt sie für längere Zeit. Schließlich verlässt sie den Iran und flieht in die Türkei. Dies fällt ihr schwer, weil sie ihre kleine Tochter zurücklassen muss, die sie nun seit sieben Jahren nicht gesehen hat.

„Jesus gab mir Liebe“
In der Türkei findet G. eine iranische Pfingstgemeinde, in der sie im Oktober 2012 getauft wird. Relativ schnell erhält sie eine offizielle Anerkennung des UNO-Flüchtlingshilfswerks UNHCR. Nach fast drei Jahren im Flüchtlingslager kann sie nach Schweden ausreisen, wo sie im Juni 2015 eintrifft. Dort ist sie völlig auf sich alleine gestellt und entsprechend verzweifelt. Eine Rückkehr in die Türkei ist nicht möglich. Nach zwei Jahren in Schweden teilt man ihr mit, es gebe zu viele Asylbewerber in dem Land, man könne sie nicht aufnehmen. Daraufhin zieht G. mit A. nach Deutschland. Auch wenn ihre Situation ungeklärt ist, ist sie doch dankbar dafür, dass sie nun seit etwa sieben Jahren an Jesus glaubt. „Jesus rettete mein Leben und gab mir Liebe.“

 

„Frauen haben keine Rechte im Islam“
M.
ist in Afghanistan geboren, aber im Iran aufgewachsen. Auch sie hatte in ihrer Kindheit viele Fragen zum Islam, auf die ihre Eltern ebenfalls mit Gewalt reagierten. Auch sie hat Religion eher als Zwang empfunden. Hinzu kam, dass ihre Eltern sie mit dem fünf Jahre älteren E. verheiratet haben. „Ich hatte keine Wahl“, erinnert sich die heute 27-Jährige. „Ich wurde weggegeben wie eine Sache.“ Aber eigentlich wollte sie nicht wie ihre Mutter leben müssen. „Mein Vater gab ihr keinen Respekt. Frauen haben keine Rechte im Islam.“

Gemeinsam mit ihrem Mann musste sie den Iran nach ihrer Hochzeit im August 2015 verlassen, weil ihr Mann einen afghanischen Pass hat. Die iranische Regierung stellte ihn damals vor die Alternative, entweder nach Afghanistan zurückzukehren oder nach Syrien in den Krieg zu ziehen und sich im Dschihad das Paradies zu sichern. Die dritte Möglichkeit bestand darin zu fliehen. Im Oktober 2015 kommen die beiden in Belgien an. Dort lernen sie im Flüchtlingslager eine iranische Familie kennen, die sehr freundlich ist. „Sie waren Christen. Und sie waren sehr liebevoll“, berichtet M. „Sie haben die Liebe von Jesus gezeigt und deutlich gemacht, dass ein liebevolles Leben in Jesus möglich ist.“ M. und E. fühlen sich angesprochen. Im Mai 2016 gehen sie zum ersten Mal in die Kirche. Sie haben viele Fragen, die der Pastor geduldig beantwortet. Außerdem erhalten sie dort auch eine Bibel. Einen Monat später wird ihr Sohn geboren. Im Januar 2017 finden die beiden zum Glauben und werden im März getauft. Gleichzeitig wird aus der Zwangsheirat eine Liebesehe. „Eines der Wunder, die Jesus getan hat, war, dass mein Mann sich in mich verliebt hat, nachdem wir schon eine ganze Weile verheiratet waren“, freut sich M. „Ich erlebe nun die Freiheit, die uns die christliche Liebe gibt.“

Die Behörden in Belgien lehnen M. und E.s Asylantrag ab. Die Abschiebung droht. „Aber wir können nicht zurück“, beteuert E. „Unsere Familie hat uns gesagt: Wenn wir euch kriegen, bringen wir euch um!“ Im August 2017 haben sie dann Belgien verlassen und kamen mit Zug und Bus nach Deutschland und über Brandenburg, Eisenhüttenstadt, Doberlug-Kirchhain dann nach Guben. E. steht zu seinem neuen Glauben. Auf YouTube ermutigt er dazu, Christ zu werden. Er ist der Überzeugung, dass das stimmt, was Jesus über seine Nachfolger gesagt hat: „Eine Stadt, die auf dem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben.“

Andreas W. Quiring

 

Zurück