„Das hier ist keine Endstation“
Um 12.30 Uhr beginnt für Alexandra Mare, Leiterin des Hildegard-Bleick-Hauses in Wiesbaden, die Mittagspause. Eigentlich. Zweimal pro Woche greift sie statt zum Pausenbrot aber zu Sportshirt und Leggins und leitet im Gemeinschaftsraum der Obdachlosenunterkunft für Frauen einen Workout an. Heute turnen fünf Bewohnerinnen zwischen 19 und Ende 50 zu energiegeladener Musik und kommen dabei ganz schön ins Schwitzen. Auch Alexandra Mare ist nach dem Training außer Atem. „Und morgen werde ich garantiert ordentlich Muskelkater haben“, sagt sie und lacht.
Die Sportstunde ist eins von vielen Angeboten für die bis zu 50 Frauen, die im Hildegard-Bleick-Haus, kurz HBH, leben. Manche nur für ein paar Tage, andere für Jahre. Alexandra Mare und ihr Team machen auch immer wieder Kunst- und Musikprojekte, mobile Gesundheits- und Wellnessangebote, besondere Gottesdienste und Feste, Ausflüge und noch Einiges mehr möglich. Einmal pro Woche kocht die Leiterin für alle. Dann sitzen Bewohnerinnen und Mitarbeiterinnen beim Mittagessen zusammen und plaudern über Alltägliches. Nicht zuletzt ist da noch das legendäre Sommerfest, das jedes Jahr unter einem anderen Motto steht. „Letztes Jahr ging es um Korea“, erzählt Alexandra Mare, die ein erklärter Fan des asiatischen Landes ist. Dank der Unterstützung einer befreundeten koreanischen Gemeinde konnten die Frauen echt koreanisches Essen und Musik genießen, traditionelle Kleider anprobieren oder sich im K-Pop-Stil schminken lassen.
Voller Einsatz für Frauen in Not
Mit Aktionen wie diesen „machen wir einen kleinen Sonnenschein über den harten Alltag“. So drückt es Sabine Metzger aus, die seit elf Jahren im HBH arbeitet. Damit geht das Team aus acht haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen deutlich über das hinaus, was die Einrichtung eigentlich leisten soll. Das HBH ist eine Selbstversorgerunterkunft für wohnungslose Frauen, die von der Stadt Wiesbaden untergebracht werden müssen. Das heißt: Die Frauen sollen hier ein Dach über dem Kopf bekommen, sich um ihre oft vielfältigen und schwerwiegenden Probleme dann aber weitgehend selbst kümmern. „Viele unserer Bewohnerinnen brauchen aber mehr Unterstützung“, sagt Sabine Metzger, während sie in der Gemeinschaftsküche gespendete Lebensmittel zu einem Frühstücksbuffet arrangiert. „Manche kommen hier mit absolut nichts an, sogar ohne Schuhe, und können sich nicht einmal etwas zu essen leisten.“ Deshalb hält die Einrichtung immer kostenlos Lebensmittel und andere Dinge des täglichen Bedarfs bereit, die alle Frauen nutzen können. Niemand soll hier frieren müssen, sich nicht waschen können oder Hunger haben. Für dieses Angebot und für das vielfältige Programm ist das Haus auf Spenden und ehrenamtliche Unterstützung angewiesen. Und auf ein Mitarbeiterinnenteam, das für die Bewohnerinnen so manche Extrameile geht.
Sabine Metzger verkörpert die Haltung, die unter den Kolleginnen herrscht, perfekt. In der Stellenbeschreibung der gelernten PTA steht „Pförtnerin“, aber die Tätigkeit am Empfang macht nur einen Bruchteil ihrer Arbeit aus. Sie ist auch erste Ansprechpartnerin für alle Sorgen und Nöte, hat genau im Blick, wie es jeder Einzelnen im Haus geht, fragt nach, ob die Wohnungssuche läuft und was die Familie macht, greift bei gesundheitlichen und praktischen Problemen ein, tröstet bei Rückschlägen, schlichtet Streitigkeiten und ruft auch mal bei ehemaligen Bewohnerinnen an, um sicherzugehen, dass es ihnen gut geht. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. „Das ist hier mehr als ein Job“, sagt sie. „Man muss offen sein und Menschen mögen; sich auf sie einlassen wollen. Genau das gefällt mir. Und dass es wirklich um das Wohl von Menschen geht und nicht um Profit.“
Das Zusammenleben ist nicht immer einfach
Natürlich gibt es auch Probleme. Im HBH leben Frauen zwischen 18 und 80 Jahren mit ganz unterschiedlichen Hintergründen und Erfahrungen zusammen. Das führt auch zu Konflikten. Manche Frauen sind nur zwischen zwei Mietverträgen kurz hier gestrandet und gehen vom HBH aus jeden Tag zur Arbeit. Andere haben lange auf der Straße gelebt, Gewalt oder sexuellen Missbrauch erlebt und kämpfen mit Suchtproblemen. Manche konnten nach dem Renteneintritt oder dem Tod des Partners die Miete nicht mehr zahlen und haben auf dem hart umkämpften Wohnungsmarkt nun schlechte Karten. Wieder andere sind betagt, krank oder sogar pflegebedürftig. „Unsere Bewohnerinnen bilden praktisch das ganze Spektrum der Gesellschaft ab“, sagt Alexandra Mare. „Wohnungslosigkeit kann wirklich jeden treffen.“
Eine besondere Herausforderung ist die zunehmende Zahl von Frauen mit psychischen Erkrankungen, die dem HBH von der Stadt zugewiesen werden. „Für sie ist es oft schwer bis unmöglich, sich hier in die Gemeinschaft einzufügen und mit dem Alltag zurechtzukommen. Sie brauchen eine andere Betreuung als wir sie hier bieten können“, schildert Alexandra Mare. „Natürlich versuchen wir unser Bestes, aber wir kommen manchmal an unsere Grenzen. Das ist dann schwierig für das Team, die betroffenen Frauen und die anderen Bewohnerinnen.“
Jede Bewohnerin hat ihre Geschichte
Das erlebt auch Emilia Ceylan so, die seit einigen Monaten im HBH wohnt. „Die Mitbewohnerinnen, die psychisch krank sind, tun mir sehr leid“, sagt die 39-Jährige. „Gleichzeitig belastet mich das Zusammenleben.“ Emilia Ceylan selbst ist durch eine Reihe schwerer Schicksalsschläge in die Obdachlosigkeit geraten. Vor einigen Jahren wurde bei der zweifachen Mutter Multiple Sklerose diagnostiziert; inzwischen ist sie stark gehbehindert. Ihren Beruf als Schauwerbegestalterin konnte sie schon bald nicht mehr ausüben und wurde arbeitslos. Dann brannte auch noch die Wohnung aus. Ihre Töchter konnte Emilia Ceylan beim Vater unterbringen, sie selbst musste ins HBH ziehen. Ein Schock – doch das Schlimmste sollte noch folgen: Ceylans älteste Tochter verunglückte mit nur 17 Jahren tödlich. „Ich wusste nicht, wie ich das überleben soll.“ Den großen Schmerz merkt man Emilia Ceylan noch deutlich an. Aber gleichzeitig auch eine große Stärke. Die habe sie der Zeit im HBH zu verdanken. „Ich habe hier bedingungslose Annahme und Hilfe erfahren, sowohl von den Mitarbeiterinnen als auch von meinen Mitbewohnerinnen“, sagt sie. „Alle unterstützen sich hier gegenseitig, man teilt miteinander, auch wenn man wenig hat, und wird zu nichts gedrängt. Das hatte ich vorher noch nie so erlebt und bin sehr dankbar dafür.“
Heute trainiert Emilia Ceylan täglich, um ihre Beweglichkeit zu erhalten, sucht aktiv nach neuen beruflichen Möglichkeiten – und natürlich nach einer Wohnung. Das ist umso schwieriger, als sie auf ein barrierefreies Zuhause angewiesen ist. „Aber ich gebe nicht auf, denn ich möchte unbedingt wieder mit meiner Tochter zusammenwohnen und mit ihr ein möglichst normales Leben führen“, sagt sie.
Das HBH ist eine Startrampe für die Zukunft
Dass das gelingen kann, weiß Alexandra Mare aus Erfahrung. „Für die meisten unserer Bewohnerinnen ist das HBH keine Endstation, sondern nur ein vorübergehendes Zuhause in einer schwierigen Lebensphase“, betont sie. „Hier können sie erstmal zur Ruhe kommen, sich neu orientieren und dann in ihrem ganz individuellen Tempo wieder in ein geregeltes Leben gehen.“ Wenn das klappt, sei das auch für das HBH-Team immer eine tolle Erfahrung, ergänzt Sabine Metzger: „Letztens war eine Schulklasse hier bei uns zu Besuch. Ein Junge kam zu mir und sagte, dass er mir schöne Grüße von seiner Mutter bestellen soll: ‚Die hat auch mal hier gewohnt.‘ Das hat mich unheimlich gefreut.“
-
Emilia Ceylan hat im HBH ein Zuhause auf Zeit gefunden. -
Einmal pro Woche kocht Alexandra Mare für Bewohnerinnen und Team. -
Nachtpförtnerin Emilia Ionescu schnippelt Gemüse für das gemeinsame Essen. -
Voller Einsatz: Einrichtungsleiterin Alexandra Mare bietet Sport für die Bewohnerinnen an. -
Sabine Metzger sichtet gespendete Lebensmittel. -
Am Frühstücksbuffet aus gespendeten Lebensmitteln können sich alle Frauen bedienen.