von Erik-Wickberg-Haus

Bestseller-Autor stellt neues Buch bei der Heilsarmee vor

Richard Brox (links) und Günter Wallraff bei der Pressekonferenz im Erich-Wickberg-Haus. (Foto: Gregor Nick)

Am 15. November verwandelte sich das Café Vis à Vis im Erik-Wickberg-Haus für einige Stunde in ein gut besuchtes Pressezentrum. Der Grund: Der Autor und Bürgerrechtler Richard Brox stellte dort - gemeinsam mit seinen Co-Autoren und dem bekannten Investigativjournalisten Günter Wallraff – sein neues Buch der Öffentlichkeit vor. Dass die Pressekonferenz ausgerechnet in einer Sozialeinrichtung der Heilsarmee stattfand, ist kein Zufall. Brox, der jahrzehntelang obdachlos war und mit seiner Autobiografie „Kein Dach über dem Leben“ 2018 einen internationalen Beststeller landete, lebte früher selbst in verschiedenen Heilsarmee-Einrichtungen. „Die Heilsarmee  ist vorbildlich in der Wohnungslosenhilfe“, sagte er während der Präsentation seines neuen Buches. „Wenn alle so arbeiten würden, gäbe es in Deutschland keine Obdachlosigkeit mehr.“

Leider ist Obdachlosigkeit in Deutschland aber alles andere als Geschichte. Das legt Brox in seinem neuen Werk „Deutschland ohne Dach. Die neue Obdachlosigkeit“ eindrücklich dar. Es enthält neben Daten und Fakten vor allem Erfahrungsberichte von ganz unterschiedlichen Menschen, die auf der Straße leben. Genau das sei das „Herzensanliegen“ des Buchs, so Brox. „Wir wollen nicht über die reden, die auf der Straße sind, sondern sie selbst zu Wort kommen lassen.“ Warum das gerade jetzt so wichtig ist, wurde im Laufe der Veranstaltung schnell deutlich. Laut der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosigkeit haben aktuell bis zu 50.000 Menschen in Deutschland überhaupt kein Dach über dem Kopf – deutlich mehr als vor der Coronapandemie. Hinzu kommen bis zu 400.000 Personen, die bei Freunden und Bekannten, in Notunterkünften oder anderen Sozialeinrichtungen leben. Beide Gruppen wachsen weiter. Und sie sind so vielfältig wie noch nie: Frauen, Menschen mit Behinderung, Senioren, Angehörige der LGBTQ+-Community, Pendelmigranten und Geflüchtete, aber auch ganze Familien sind zunehmend von Wohnungs- und Obdachlosigkeit betroffen.

Das Leben auf der Straße ist extrem gefährlich

Das Leben auf der Straße ist aber nicht nur diverser, sondern auch gefährlicher geworden. Besonders Frauen und Mädchen, Behinderte, Homosexuelle und Transgendermenschen seien von Hetze und Gewalt bedroht und bräuchten besonderen Schutz, sagte Brox. Günter Wallraff untermauerte das mit erschreckenden Zahlen. „Das Risiko eines gewaltsamen Todes ist für Obdachlose 50 Prozent höher als für andere, ihre Lebenserwartung liegt bei nur 40 Jahren“, so Wallraff. Er verwies auf die vielfältigen Gründe für Obdachlosigkeit und auf die Abwärtsspirale, die ein Wohnungsverlust in Gang setzt. „Ohne festen Wohnsitz bekommt man keine Stelle und kein Konto, ohne Job und Konto keine Wohnung – ein Teufelskreis.“ Unrealistische Forderungen der Behörden an arme Menschen – etwa, eine günstigere Wohnung zu finden – trügen zu mehr Wohnungs- und Obdachlosigkeit bei. „Die Politik bekämpft nicht die Armut, sondern die Armen,“ bilanzierte der Journalist.

Richard Brox fordert soziale Teilhabe ohne Hass und Hetze

Richard Brox skizzierte, was wohnungs- und obdachlose Menschen brauchen, um wieder auf die Füße zu kommen. „Erstmal ein Zuhause, dann Zeit für körperliche und seelische Heilung und dann eine Reintegration in den Arbeitsmarkt, die ihre persönlichen Wünsche und Vorstellungen berücksichtigt.“ Auch das Ordnungsrecht für Obdachlose müsse unbedingt bundesweit vereinheitlicht werden. Abschließend appellierte der Autor an die Anwesenden und an die Öffentlichkeit: „Geben Sie den Ärmsten der Armen ihre Rechte wieder. Das Recht auf Leben und auf soziale Teilhabe ohne Hass und Hetze.“

Die Pressekonferenz im Erik-Wickberg-Haus (EWH) war gut besucht. Neben zahlreichen Vertretern von lokalen und überregionalen Medien sowie Aktivisten aus der Wohnungslosenszene folgten auch viele Mitarbeitende und Bewohner der Sozialeinrichtung interessiert der Veranstaltung. Frank*, 62, der im EWH lebt, konnte die Schilderungen von Richard Brox nur bestätigen. „Das Leben auf der Straße hat sich wirklich sehr verändert und ist gefährlicher geworden“, meinte er. „Damit man wieder Fuß fassen kann, sind ein gutes Umfeld und enge Betreuung extrem wichtig. Das haben wir hier im Haus zum Glück.“

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"Deutschland ohne Dach. Die neue Obdachlosigkeit" ist im Rowohlt-Verlag erschienen. Das Buch enthält 18 ausführliche Erfahrungsberichte von Menschen, die obdachlos sind oder waren. Das Vorwort hat Günter Wallraff verfasst. "Deutschland ohne Dach" ist überall im Buchhandel oder online über den Verlag erhältlich. ISBN: 978-3-499-01140-5, 288 Seiten, 13 Euro

Richard Brox informiert in seinem Blog über sich und sein Engagement.  

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