von Kommunikation & Fundraising THQ

Armut kann einsam machen

Maike Luhmann (Foto: Tim Kramer)

Frau Luhmann, wann ist ein Mensch einsam?

„Menschen fühlen sich dann einsam, wenn sie sich mehr soziale Kontakte oder Beziehungen wünschen, als sie gerade haben. Das Einsamsein unterscheidet sich vom Alleinsein: Das Alleinsein, also die Abwesenheit anderer Menschen, können wir sogar genießen. Einsamkeit genießen wir nicht: Sie fühlt sich schlecht an, geradezu schmerzhaft. Was wir uns wünschen oder brauchen, ist von Person zu Person unterschiedlich. Das macht Einsamkeit zu einem sehr subjektiven Gefühl, das sich schlecht auf einen bestimmten Punkt festlegen lässt: Wer objektiv wenige Kontakte hat, ist zwar tendenziell einsamer, aber es gibt auch viele Menschen, die wenig Kontakt mit anderen haben und keinen Mangel empfinden.“

Gibt es denn Risikofaktoren für Einsamkeit?

Die Forschung hat bereits eine ganze Reihe von Risikofaktoren identifiziert. Wer zum Beispiel wenig Geld hat, arbeitslos ist, unter schlechter Gesundheit leidet, häufig diskriminiert wird oder wenig Zeit für soziale Kontakte hat, ist tendenziell einsamer. Armut zum Beispiel ist ein Risikofaktor für Einsamkeit, weil viele soziale Begegnungen an Geld gebunden sind: Ob ich mich mit Freunden zum Kaffee oder zum Essen verabrede oder an kulturellen oder sportlichen Veranstaltungen teilnehmen möchte – immer brauche ich Geld dafür, und sei es nur, um die Fahrt zum Event zu zahlen. Für jemanden, der auf jeden Cent achten muss, kann das schnell eine unüberwindbare Hürde sein.“

Die Heilsarmee unterhält in vielen Städten Tagestreffs für bedürftige Menschen, zum Beispiel in Dresden, Hamburg, Osnabrück und Berlin. Hier gibt es nicht nur eine warme Mahlzeit, sondern vor allem Begegnung: Gespräche, Gemeinschaft und ein Stück Alltag mit anderen.

Maike Luhmann vergleicht im Gespräch Einsamkeit mit einem Hindernislauf: „Um soziale Beziehungen zu finden und zu pflegen, muss ich ständig kleine und große Hürden überwinden. Ich muss Zeit finden, genügend Energie haben und vielleicht auch noch räumliche Distanzen überwinden. Wie gut das gelingt, ist von Person zu Person anders.“ Zum Glück sei Einsamkeit kein unausweichliches Schicksal: Es gebe zwar Menschen, die aufgrund ihrer Persönlichkeit oder ihrer Kindheitserfahrungen eine erhöhte Tendenz zu Einsamkeit haben. Aber Einsamkeit, so Luhmann, lasse sich vermindern:

„Wir kennen wohl alle Momente oder Phasen der Einsamkeit. Und viele von uns haben auch schon die Erfahrung gemacht, dass diese Phasen vorübergehen, wenn wir es geschafft haben, wieder Kontakt zu anderen aufzunehmen. Es ist sogar so, dass uns Einsamkeit genau dazu motivieren kann: auf andere Menschen zugehen, Kontakte knüpfen, Beziehungen pflegen. Deshalb ist es auch gut, dass wir überhaupt in der Lage sind, Einsamkeit zu empfinden – sie dient als ein Warnsignal, das immer dann losgeht, wenn unsere sozialen Beziehungen nicht ausreichend sind. Manche Menschen allerdings kommen aus der Einsamkeit nicht so einfach heraus. Für sie kann Einsamkeit chronisch werden und dann auch die Gesundheit gefährden.“

Was schützt denn vor chronischer Einsamkeit?

„Am besten wäre es natürlich, wenn wir gar nicht erst einsam werden. Einsamkeit lässt sich nicht vollständig vermeiden, aber je besser es uns gelingt, unsere sozialen Beziehungen zu pflegen, desto besser sind wir vor Einsamkeit geschützt, wenn uns zum Beispiel ein Schicksalsschlag trifft. Wir sollten uns alle mehr Zeit füreinander nehmen.Wenn man merkt, dass man gerne mehr Kontakte hätte, gibt es an vielen Orten und auch im Internet jede Menge Anlaufstellen. Über Vereine kann man Menschen finden, mit denen man Hobbies oder Interessen teilt. Auch ehrenamtliches Engagement kann vor Einsamkeit schützen. Für Menschen, die schon richtig in der Einsamkeit drinstecken, gibt es außerdem immer mehr spezialisierte Anlaufstellen und Unterstützungsangebote, die man zum Beispiel über die Datenbank des Kompetenznetz Einsamkeit finden kann.“

Maike Luhmanns Buch „Einsamkeit: Warum sie uns alle betrifft“ erscheint am Mittwoch, den 25. März, im S. Fischer Verlag und kostet 24 Euro.

Zurück