15. Dezember
Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finsteren Lande, scheint es hell. (Jesaja 9, 1)
In der Seelsorge habe ich es häufig mit Menschen zu tun, bei denen es stockdunkel ist. Wo Schwere und Finsternis drücken und es scheint, als ob es kein Licht und keine Hoffnung gäbe. Die Zusage aus Jesaja 9 strahlt mitten in diese Hoffnungslosigkeit hinein.
Jesus, kam nicht in eine Welt des helllichten Morgens, voller Glanz und Gloria. Es war stockdunkel, als er das Licht dieser Welt erblickte. Höchstens eine rußende Stalllaterne brannte. Macht und Gewalt waren wie zu den Zeiten eines Jesaja an der Tagesordnung. Menschen wurden unterdrückt, hoffnungsleere Gesichter gab es bei weitem mehr als erwartet. Das ist bis heute so geblieben. Es gibt auch heute, nicht nur angesichts der täglich kürzer werdenden Tage im Dezember, mehr Dunkel als uns das lieb sein mag, mehr Schwermut und Einsamkeit als wir uns das einzugestehen wagen. Unsere Welt ist nicht heil, auch heute nicht. Und dennoch gilt die alte Zusage des Propheten für jeden, der sich an ihr orientieren möchte: „Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht.“
Gott geht in die Nacht meines Lebens, dorthin, wo es stockdunkel ist, um die Lasten und Nöte von Menschen zu tragen, um Hoffnung zu wecken, wo Verzweiflung quält, um ein Licht anzuzünden, wo die Finsternis regiert. Er handelt dabei behutsam, liebevoll, aber sehr deutlich für die, die sich seinem Tun öffnen. So kann es passieren, dass eine Ehe wieder lebensfähig wird, weil Gottes Licht die Verbitterung des betrogenen Ehemanns zu heilen vermag und das Herz zur Vergebungsbereitschaft öffnet. Da lernt ein Kranker seine Not anzunehmen und begreift, dass auch ein krankes Leben in Gottes Augen wertvoll bleibt. Da wird ein fast zerbrochenes Selbstbewusstsein gestärkt, weil ein Hoffnungsschimmer neuen Mut schenkt. Da lernt ein Mensch sein Geld, seine Gaben, seine Zeit mit anderen zu teilen – aus Dankbarkeit. „Über denen, die da wohnen im finsteren Land, scheint es hell.“
Dabei ist es wesentlich zu erkennen, dass dieses helle Licht, von dem der Prophet Jesaja spricht, nicht von uns kommt, auch nicht von unseren Mitmenschen oder von den Mächtigen der Welt. Die Quelle dieses Lichtes liegt allein in dem lebendigen Gott, der seine Welt nicht sich selbst überlassen kann, dessen Liebe ihn zu seinen Menschen zieht, deren Not ihn nicht kalt lässt, im Gegenteil. Weil Gott zu uns kommt, weil sein Licht auf diese Welt kam und an keinem vorübergehen will, darum gibt es Hoffnung, darum gibt es Trost selbst in der trostlosesten Situation. Jesus selbst sagt von sich: „Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, wird nicht leben in der Finsternis, er wird das Licht des Lebens haben.“ Weil wir uns diesem Licht bedenkenlos anvertrauen können, kann es in unserem Leben immer wieder hell werden. Wir dürfen heute Jesus die Scherben unseres Lebens anvertrauen, brauchen uns dieser Scherben nicht zu schämen. Wenn wir es nur lernen könnten, die dunkelsten und notvollsten Punkte unserer Existenz mit diesem Kind von Bethlehem, mit diesem Mann am Kreuz von Golgatha in Verbindung zu bringen, auf den das alte Prophetenwort hinweist, dann kann für uns heute trotz bisweilen bedrückender Finsternis und Angst neu Mut gewonnen werden, dann kann es für uns zur existentiellen Gewissheit werden: „Welt ging verloren, Christ ist geboren“, ein Hoffnungsfunke mitten in so manchem Dunkel. Jesus will auch deine Dunkelheit hell machen. Lass ihn hinein in das Dunkel deines Lebens!
Claudia Klingbeil